Clavier-Salon

Im Göttinger Clavier-Salon sind die historischen Flügel und Pianoforte an diesem Abend ein bisschen zusammengerückt. Auch der Érard hält sich bei dieser literarischen Begegnung zur Göttinger Zeitgeschichte immer wieder dezent im Hintergrund. Gerrit Zitterbart ist natürlich schon sehr gespannt, ob das neue Salonformat im Stil einer musikalisch bestärkten Lesung Anklang findet: Mit diesem besonders musikalischen Kapitel aus Jürgen Schlumbohms Chronik über das Göttinger Geburtshospital „Verbotene Liebe, verborgene Kinder“.

Der Göttinger Historiker hatte sich in seinem Buch „Lebendige Phantome“ bereits dem Schicksal der meist armen, unverheirateten Frauen gewidmet, die im „Accouchierhaus“ am Geismartor im 18. und 19. Jahrhundert kostenlos betreut wurden und sich dafür auch als medizinische Studienobjekte zur Verfügung stellten. Mit der Entdeckung eines kleinen Bandes handgeschriebener Notizen, dem so genannten „geheimen Buch“, konnte er seine Spurensuche erneut vertiefen. Es gab erstmals Aufschluss über die wohlhabenden heimlichen Patientinnen, die dort ihre Kinder gegen ein stattliches Honorar anonym zur Welt bringen konnten, damit das Geheimnis über ihre verbotene, meist nicht standesgemäße Liebe und deren Folgen gewahrt blieb.

Schlumbohm berichtet von einem besonderen Glücksfall bei seinen Recherchen über die Frauen im geheimen Buch und die oftmals geschwärzten oder durchgestrichenen Notizen der ehemaligen Klinikdirektoren, die er dechiffrieren musste. Bei der Spurensuche in der Geschichte von Marie Löw stellte sich heraus, dass ihre spätere eheliche Tochter Lilli Lehman ein berühmter Opernstar gewesen war und dass sie auch viele Briefe ihrer Mutter hinterlassen hatte, die am fürstlichen Kasseler Hoftheater eine gefeierte Sopranistin war. Gern nahm Schlumbohm dieses Kapitel seines Buches über „die Sängerin, den Freiherrn und ihr Kind“ zum Anlass für eine Lesung im Clavier-Salon, um dabei mit Louis Spohr zugleich auf einen musikalischen Zeitgenossen der Künstlerin zu verweisen.

Spohr, der als Hofkapellmeister zur Kasseler Theaterleitung gehörte, hatte die Sopranistin auch als virtuose Harfenistin geschätzt. Er widmete ihr nicht nur seine Duette für Harfe und Violine, sondern auch eine Empfehlung, als ihr das Engagement wegen der Affäre mit dem Freiherrn Ferdinand von Legel aufgekündigt worden war.

Mit Liedern und den beiden einzigen Klavierwerken von Louis Spohr stimmen Hyewon Lee (Sopran) und Juhyeon Lee am historischen Érard Flügel das Salon Publikum auf das Stationendrama von Marie Löw ein. Zunächst erklingt ein Wiegenlied und dann Spohrs Vertonung des Gretchen-Monologes aus Goethes „Faust“, „meine Ruh‘ ist hin, mein Herz ist schwer“. Leidenschaftlich klagend beschwört die südkoreanische Sopranistin das Seelendrama herauf, wie es dann der Historiker in den Lebensspuren von Marie Löw anklingen lässt.

„Ihre Stimme fand Anklang bei Hof und Publikum“ schreibt Schlumbohm und dass die Solistin in Mozartopern ebenso gefeiert wurde wie in den damals zeitgenössischen Werken von Weber, Aubert und Meyerbeer und denen des Hofkomponisten Spohr. Er zitiert auch aus ihrem Kündigungsschreiben und der Erkenntnis der Künstlerin, die erfahren musste, dass sie sich offenbar nicht mehr des Beifalls und der Gunst des allerhöchsten Hofes erfreuen dürfe. Marie Löw teilte das Schicksal vieler Frauen, deren Geschichten der Historiker aus dem geheimen Buch entschlüsselte. Auch sie verzichtete auf ihre mütterlichen Rechte nach der Geburt während der Kindsvater alles Weitere bestimmte, die Erziehung des Kindes in einer Pflegefamilie und manchmal auch ein späteres Legat.

Nach Spohrs aufmunterndem „Rondoletto für Klavier“ kommt es in seiner „Sonate für das Pianoforte“ zu expressiven und widersprüchlichen Stimmungsbildern, die die südkoreanische Pianistin ausdrucksstark nuanciert. Die aufrührenden und die besinnlichen Momente spiegeln sich nun in den biografischen Spuren Marie Löws, denen Schlumbohm bis nach Prag folgte. Dort hatte sich die Künstlerin nach der Trennung von ihrem späteren Ehemann Carl August Lehmann niedergelassen, unterrichtete und förderte vor allem die musikalischen Talente ihrer Töchter Lilli und Marie, die dem Beispiel ihrer Mutter folgten und sich für ein selbstbestimmtes Leben entschieden. Beide wurden als Opernsolistinnen gefeiert, wie Schlumbohm berichtet, und dass Lilli sogar Weltkarriere machen sollte, um den Historiker über den intensiven Briefwechsel mit Mutter und Schwester auf weitere biografische Details der heimlichen Patientin des Göttinger Geburtshospitals aufmerksam zu machen. Dazu gehört auch die freundschaftliche Verbindung zu Richard Wagner, dem Marie Löw in der Zeit seines Züricher Exils Aufführungen seines „Tannhäuser“ und seines „Lohengrin“ in Prag vermittelte. Bei der „lieben, alten Freundin“ bedankte sich der Komponist später mit einer Portraitaufnahme, dem er ein Notenzitat aus dem Vorspiel von „Tristan und Isolde“ beifügte. Das Portrait der Sopranistin versieht der Historiker zum Abschluss seiner Lesung mit einer weiteren Widmung. „Was hat sie doch viele Jahre für ein hartes Leben gehabt, ohne je darüber zu klagen!“ notierte ihre Tochter Lilli. „Da spricht man immer von dem schwachen Geschlecht! Aber was würde aus Männern und Kindern werden, wenn dieses schwache Geschlecht nicht die grenzenlose Energie besäße, sich selbst und seine Kinder zu erhalten und zu erziehen?“

Den Stolz der Tochter auf eine couragierte Künstlerin und Mutter bekommt auch das Publikum zu spüren, das sich für diese musikalische Geschichte einer verbotenen Liebe und den verborgenen Kindern mit ganz besonders herzlichem Beifall bedankt.

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