Clavier-Salon

16.12.1770, Bonn, es ist der Dritte Advent. Vermutlich kommt der kleine Ludwig van B. an diesem Tage zur Welt, eventuell bereits am 15.12. Überliefert ist, wie damals Tagen üblich, allein das Datum der Taufe, der 17.12. - Sei‘s drum: Gerrit Zitterbart hat den Dritten Advent dieses Jahres gewählt, um mit seinem Konzert den wohl berühmtesten Komponisten der „klassischen Musik“ zu ehren. Mit Werken für das Klavier, naturgemäß - entstanden zwischen 1801 und 1826; im März 1827 verstarb Beethoven.

Drei kleinere Werke eröffnen den Abend, wobei es Clavier-Salon typisch gleich etwas zu entdecken gibt. Das Präludium f-Moll WoO 54 (= Werk ohne Opus 54) sowie die Bagatelle C-Dur WoO 56 werden nun wahrlich nicht häufig gespielt. Das 1803 entstandene Präludium könnte, bis auf das Ende und die ein oder andere harmonische Farbe, glatt aus der Barockzeit stammen. Den 3/2-Takt durchzieht eine beide Hände durchwandernde, scheinbar endlose Achtelkette; der Ausdruck schwankt zwischen Resignation und Unruhe seltsam hin und her. Die gänzlich unprätentiöse Spielweise Zitterbarts lässt dem kurzen Werk allen gebührenden Raum.

Die Bagatelle C-Dur WoO 56 (1804) lässt eher an Beethoven denken: Stabiles C-Dur geht anders - eine unsicher-stolpernde Quinte gibt ausreichend Anlass zum Tonartenraten, erst die letzte Achtel des zweimal 8 Takte langen A-Teils erreicht endlich, endlich C-Dur. Ob Beethoven hier bei Haydn Anleihe nahm? Letzterer war ein Meister dieser Art von musikalischem Spaß. Ein kleines Trio folgt in dieser Bagatelle, bevor der A-Teil wiederkehrt. Keine Ahnung, ob sich Beethoven an dieses - sein eigenes - Stück erinnerte, als 1819 Anton Diabelli alle namhaften österreichischen Komponisten bat, Variationen über ein vorgegebenes Walzerthema zu schreiben. Aber dieses Trio klingt definitiv wie eine vorgezogene Variation…

„Klavierstück a-Moll WoO 59“ (1810) vermerkt der Programmzettel recht sachlich. Nach fünfeinhalb Tönen jedoch weiß jede(r) der gut 30 Hörerinnen und Hörer Bescheid. „Für Elise“. Wieviel Klavierschülerkarrieren wohl wegen dieses Werkes begannen? Berühmter dürfte von Beethoven nur der Beginn seiner V. Symphonie sein. Überhaupt ist es bemerkenswert genug, dass eines Komponisten ‚Werke ohne Opus‘ ordentlich nummeriert werden.

Als letztes Werk (mit ordentlicher Opusnummer) vor der Pause erklingt die Sonate d-Moll op.31,2 (1801/1802), bekannt unter ihrem Beinahmen „Der Sturm“. Letzterer geht auf eine vom Biographen Schindler behauptete Äußerung Beethovens zurück, die Sonate stehe dem mit gleichnamigen Shakespeare-Werk in Verbindung.

Der gebrochene A-Dur-Akkord des allerersten Anfangs markiert nicht nur die Abschnitte des ersten der drei Sätze, sondern taucht in mannigfacher Form an vielen Stellen der Sonate wieder auf. Diese Art des Komponierens – kleinste Urmotiven ausschlachten, neu beleuchten, als Basis für alles Folgende verwenden - wird Beethoven in seinem Werk immer wieder, in zunehmender Verdichtung anwenden. Der Flügel nach Anton Walter, 1795, ist hierbei ein äußerst dankbarer Partner. Nicht nur darf die ein oder andere Besucherinnen rätseln, wie Gerrit Zitterbart die Pedale bedient; denn es sind keine am Flügel zu sehen! (Auflösung: Bitte schauen Sie selbst einmal im Salon vorbei…). Der deutlich kürzere Nachhall des alten Instruments im Vergleich zum modernen Konzertflügel lässt den Akkord endlich einmal so zerbrechlich erscheinen, wie er wohl gedacht war. Endgültig beim Instrumental-Rezitativ am Ende der Durchführung des ersten Satzes dürfte jeder die Vorzüge dieser alten Instrumente entdeckt haben. So sanglich wird man es auf den modernen Klavier„schlachtschiffen“ niemals zu hören bekommen. Wie der Notentext verlangt, trägt Gerrit Zitterbart dieses Rezitativ sehr frei vor, überhaupt erhalten alle Auftritte des gebrochenen Akkords, ob anfangs oder später, die nötige Ruhe und Weite. Hier disponiert offensichtlich jemand sehr gekonnt das musikalische Material.

Die notwendige Schärfe geht seinem Vortrag an den entsprechenden Stellen dabei aber keineswegs ab: Die Praller im dritten Satz kann man schwerlich akzentuierter spielen; bei dem ein oder anderen sforzati hat man Angst ums Instrument. Angeblich soll ja Beethoven den ein oder anderen Flügel zu Bruch gespielt haben…

Gänzlich andere Töne dann nach der Pause: Mit den 6 Bagatellen op. 126 (1823/24) betreten wir die Welt des späten Beethoven. Äußerst schroff stehen hier Ideen, Ausdruckswelten gegeneinander. Volksliedhaftes, (scheinbar) Schlichtes - ein paar Takte weiter plötzlich Musik wie so eben grade aus dem Granit gehauen. Wer die späten Streichquartette und Klaviersonaten kennt, wird manche Wendung, Idee, Anlage vertraut finden – alle anderen hatte Zitterbart bei seinen einleitenden Worten auf den Stilwechsel im Vergleich zur ersten Konzerthälfte vorbereitet. Natürlich gibt es auch einige Hinweise zu den technischen Veränderungen, welche der nun verwendete Flügel, Anonymus 1825, aufweist.

Die Sonate Es-Dur op.81a „Les Adieux“ (1809/10) setzt den Schlusspunkt des Abends. ‚Lebewohl‘, ‚Abwesenheit‘ und ‚Das Wiedersehen‘ - so die Überschriften der drei Sätze - beziehen auf die Flucht des Erzherzogs Rudolf vor den Truppen Napoleons. Vermutlich wird man diese Sonate noch spielen und hören, wenn von Erzherzog oder Napoleon kein Mensch mehr was weiß. Abschied, Trauer, Freude sind hier in beinahe zeitloser Weise in Töne gesetzt, so fällt der Nachvollzug nicht schwer. Wie es zu Beethoven mehr als nur passend ist, hält Gerrit Zitterbart den Ausdruck dennoch stets im klassischen Maß. Bei allem Gefühlsüberschwang (dem man sich hingeben könnte) bleibt stets der Blick für die Form gewahrt; mithin keine bloße Aneinanderreihung einzelner schöner Takte, sondern ein gelungenes Ganzes aus dem Wissen um die Form und ihren strengen, vom Komponisten erdachten, Aufbau. Und dieser liegt bei Beethoven häufig gut sichtbar, wie eine an die Erdoberfläche tretende Goldader, vor einem.

„Ganz gegen meine Gewohnheit und „nur“ für Ludwig van Beethoven“ (Zitterbart) als Dank für den Applaus eine besondere Zugabe. Erst 2008 in einem der letzten Skizzenbücher des Komponisten entdeckte Peter McCallum eine kleine Bagatelle in f-Moll. Sie ist der Abschied von Beethoven. Für diesen Abend.

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