Literarisches Zentrum

„Nachtleuchten“ - der Titel des neuen Romans von María Cecilia Barbetta, einer der Favoriten auf der Liste des deutschen Buchpreises 2018, vermittelt zunächst einmal etwas Positives. Tatsächlich aber setzt sich die Autorin mit einem dunklen Kapitel ihres Heimatlandes Argentinien auseinander, dem Vorabend des Putsches von 1974. Es war ein radikaler Wendepunkt, an dem die Regierung nach dem Tod des im Juni 1973 aus dem Exil zurückgekehrten Präsidenten Juan Perón beendet, und einer Militärdiktatur unterworfen wurde. Sie war geprägt von Morden, Anschlägen, Entführungen und tiefem Schweigen.

Mit drei Geschichten, die unmittelbar ineinander verwoben sind, versucht María Cecilia Barbetta die Atmosphäre und das Leben in ihrem Heimatort Ballester zu einem Zeitpunkt zu rekonstruieren, in dem sie selbst erst zwei Jahre alt war. Eine Zeit, mit der sie zwar keine unmittelbar präsenten Erinnerungen verbinden, wohl aber das Gefühl für die Stimmung in einer Gesellschaft unter einer Diktatur, die auf „Repression aus ist“. Die Intention, die ihrem Roman zugrunde liegt, ist die eigene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, insbesondere aber mit den Entwicklungen, die dem Putsch vorausgingen und letztlich in einer Katastrophe endeten; eine Perspektive, die auch in der Forschung bisher eher stiefmütterlich beleuchtet wurde. Mit den drei Erzählsträngen, die dem Leser aus Sicht der verschiedenen Generationen eine facettenreiche Perspektive eröffnen, versucht sie die Entwicklungen nachzuvollziehen. Barbetta las einige ausdrucksstarke Passagen aus den unterschiedlichen Handlungssträngen vor, in denen Religion, Politik und Aberglaube im Zentrum stehen.

Mittelpunkt der Lesung waren jedoch insbesondere auch die stilistischen Mittel, derer sich Barbetta bedient. So entpuppt sich der Roman als raffiniertes Kunstwerk, als Sammlung von Worten und Wortspielen. Die Autorin jongliert und experimentiert mit der deutschen Sprache, die für sie eine Fremdsprache und somit eine Herausforderung darstellt. Wie sich im Laufe des Gesprächs mit Ulrich Sonnenschein, Redakteur im Hessischen Rundfunk, herausstellte, nutzt sie diese Fremdsprache als Werkzeug, um sich Distanz zur eigenen Geschichte und damit auch zu ihrer Muttersprache zu verschaffen. Essentiell für den Roman ist somit die Sprache als Element, mit dem sie das erzwungene Schweigen in der Gesellschaft auszudrücken vermag. Der Roman „arbeitet sich an sich selbst ab, im positiven Sinne (Sonnenschein). Es sind die Figuren der einzelnen Geschichten, die nach Wegen suchen, um sich ihrer verlorenen Worte wieder zu bemächtigen. Sonnenschein betonte, dass der Roman eine gewisse Helligkeit und Leichtigkeit ausstrahle, obwohl er auf eine Katastrophe zugeschieben worden sei.

Aber auch die Struktur des Romans wirkt geheimnisvoll und faszinierend, denn abgesehen von sprachlichen Elementen, lebt er auch von Mystifizierung und der Magie der Zahlen, denen Barbetta auch optisch durch bestimmte Strukturen Ausdruck verleiht. So hat u.a. die Zahl „33“ eine besondere Bedeutung, die an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden sollte.

Es war eine atmosphärische Lesung gemeinsam mit dem Gespräch der Autorin mit HR-Redakteur Ulrich Sonnenscheinin. Barbetta gewährte an diesem Abend einem an diesem Abend dem leider nicht sehr zahlreich vertretenen Publikum einen Einblick in ihren Roman, aber auch in ihre ganz eigene Art des Schreibens. In jedem Fall machte es neugierig auf eine ausführliche Lektüre von „Nachtleuchten“.

María Cecilia Barbetta „Nachtleuchten“ (2017) Fischer, 24 Euro, ISBN 978-3-10-397289-4.

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