Literarisches Zentrum

Am 6. Dezember hat der Schweizer Dichter Christian Uetz Lyrik aus seinem aktuellen Gedichtband „Engel der Illusion“ vorgestellt. Die Idee dazu kam seiner langjährigen Freundin und Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe, die gemeinsam mit Uetz durch den Abend leitet. Beide seien hocherfreut, diese Gedichte gerade am Nikolaustag vorstellen zu können. Der Heilige Nikolaus, Schutzpatron unzähliger Berufe, der ungesehen die über Nacht nach draußen gestellten Stiefel befüllt, ist als „Inbild der Illusion“ (Uetz) der Stifter dieses Abends.

Um von Illusionen zu sprechen: Wer von einer Lyriklesung monotone Vorträge und prätentiöse Diskussionen erwartet, könnte vom Duo Uetz und Hoppe nicht positiver enttäuscht werden. Denn sobald Uetz hinter dem Pult hervortritt und das erste Gedicht rezitiert, zeigt sich, dass diese „Lesung“ ihren Namen im besten Sinne nicht verdient hat. Denn mühelos ruft Uetz seine Werke aus dem Gedächtnis ab, trägt frei vor und nutzt die intime Atmosphäre für einen charismatischen Auftritt. Er spricht die ersten Worte in verschlossener Haltung, hält die Arme lässig und zugleich schützend vor den Körper. Bald verlässt er jedoch die Pose der Introspektion, wenn die Worte sich Bahn brechen und mit Stimme, Gestik und Bewegung emphatisch dargeboten werden. Durch die Performanz der Sprache werden Uetz' Gedichte zur Ekstase, die häufig ein lyrisches Du beschwören; wie gleich zu Beginn die Liebeserklärung an seine Frau, Anja Johannsen.

Auch Felicitas Hoppe bemerkt, dass in nahezu allen von Uetz' Gedichten das Du im Mittelpunkt steht. Die Engel sind dabei „das innere Du, mit dem ich spreche“, antwortet Uetz, „Sinnbild für die Anwesenheit der Abwesenheit, als etwas, das gar nicht da ist – das ist Sprache“. Jeder, der spreche, habe schließlich Teil an etwas, das nicht sei. Uetz setzt die Sprache in ihrem illusorischen Wesen mit dem Glauben deckungsgleich. So erklärt sich auch der Rückgriff auf das biblische Motiv des Engels, der Botschafter Gottes und zugleich unfassbare Lichtgestalt ist. Alles ist sagbar und wird zur Realität durch die Existenz in der Sprache. Nicht von ungefähr mag man da an den Bibelvers „Am Anfang war das Wort“ denken. Das Wort, mit dem die Schöpfung begann.

Genauso kreisen auch die literarischen Motive um die ganz großen Worte: das Sein, den Tod und die Liebe. Auf postmoderne Bildreihen oder ironische Brechung des Inhalts wartet man indessen vergebens. Uetz setzt seine Dichtung in die Tradition Rilkes. Er öffne damit „ekstatische Lichträume“, in denen Botschaft und überschwängliches Gefühl anwesend werden. Den Vorwurf des zu Pathetischen macht er sich selbst, ohne sich jedoch schuldig zu bekennen: „Pathos ist unvermeidlich. Manchmal auch unvermeidlich peinlich.“ In Kommentaren wie diesem zeigen sich Humor und Bescheidenheit eines Dichters, der sich einer durchaus streitbaren Außenwirkung bewusst ist. Dennoch bleibt Uetz authentisch bei sich, wenn er seine Gedichte, nicht aber sich selbst völlig ernst nimmt: „Ganz wichtig ist mein Narzissmus hier, sich so ekstatisch zu präsentieren. Er betritt die Bühne als Sieger und verlässt sie als Selfie.“

Es bleibt zu bezweifeln, dass es tatsächlich reine Eitelkeit ist, die seinen poetischen Performanzen ihre Lebendigkeit verleiht. Vielmehr verschafft er der Sprache einen Raum, in dem sie wirkmächtig agieren kann. Dies zeigt sich am eindrucksvollsten in einem Gedicht aus einem früheren Band, das Uetz als Finale furiosum vorträgt. „So mohnmordseinfach mich versbrechen“, heißt es darin. Der Versprecher wird zum Versbrecher, Klänge verschmelzen miteinander, überlagern gewohnte Bedeutungen, machen neue hörbar. Uetz' Stimme wird laut, sie wird leise, durchschreitet Höhen und Tiefen, während er selbst durch den Raum läuft, bald hockt, bald hüpft. Die eingangs angekündigte Krankheit merkt man seiner Energie nicht an, im Gegenteil: Mit seiner kraftvollen und teils ausufernden Vortragsweise offenbart er die Essenz der Sprache. Uetz gibt Worten neue Anfänge, denen er körperlichen Ausdruck verleiht. Der Dichter wird selbst zum Fleisch gewordenen Wort.

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