Deutsches Theater

Premieren-Besprechung

Vielleicht ist diese eine Stunde am Morgen, die Sarah Kane um 4.48 Uhr beginnen lässt, wirklich der Moment der klarsten Wahrnehmung. Auch von einem Glücksmoment spricht die britische Dramatikerin in ihrem letzten Stück „4.48 Psychose“, bei diesem radikalen Blick auf ihr Innenleben und die Gedankenbilder, die darin ständig wucherten. Mit ihrem Selbstmord setzte sie dem Aufruhr, den Schmerzen, den Sehnsüchten nach Liebe und Geborgenheit ein Ende und auch ihrer depressiven Wut, die sie um 4.48 Uhr zu fassen glaubte.

Es ist ein Gedankenlabyrinth, das sich in der Inszenierung von Valenti Rocamomar i Torà auf der DT-2 Bühne des Deutschen Theaters entfaltet. Doch der katalanische Choreograf, vergräbt sich dabei nicht in den Mahlstrom der Worte, mit denen Kane ihre Anamnese einer Krankheit zum Tode vornimmt. Er vertraut auch für sein Regiedebüt auf die Sprache der Körper und was sie über die Worte hinaus wahrnehmbar werden lassen. Mit Sebastian Gisi, Christina Jung, Benjamin Kempf, Rebecca Klingenberg und Mirjam Sommer geben auch für Körperstimmen der Chronistin Gestalt in bewegenden Bildern. Sie drängen sich immer wieder zwischen die Sätze und überstimmen sie auch manchmal, um den Kern des emotionalen Aufruhrs spürbar zu machen.

Am Klavier verweilt Rebecca Klingenberg für einen melancholischen Melodiemoment. Darin klingt bereits die Frage an, von der die anderen Schauspieler dann erzählen. Warum es so schwer ist, Halt zu finden und sich dann auch halten zu lassen, und warum Berührungen ständig mit Abwehrreaktionen beantwortet werden. Die Körper, die sich zunächst so allein und unbehaust am Boden winden, hält es nicht lange nicht in luftiger Höhe, wenn sie jetzt mit Erinnerungssplitter malträtiert werden und all diesen unmittelbaren Flash Backs.

Um 4.48 Uhr lässt die Wirkung der Psychopharmaka nach, mit denen Kane während ihres Klinikaufenthaltes sediert wurde. Jetzt ist es an der Zeit, eine Familienvergangenheit zu entrümpeln, aus der das einsame Kind herausschreit und auch das wohlmeinende Palaver der behandelnden Ärzte mit ihren weiterleben Placebos. Die zerstörerischen Stimmen von Terror und Verwüstung, mit denen die Dramatikerin in ihren Stücken rang, um aus ihnen eine Rest von Leidenschaft und Zärtlichkeit für irgendwann einmal heraus zu pressen, auch sie wollen jetzt gehört werden. Sie bluten ebenso weiter, wie die Schnitte im Arm, die den Seelenschmerz vorübergehend besänftigten.

Manchmal hängen die Gedanken Kopfüber oder sie balancieren auf einem dieser wuchtigen Metallgestelle, die von den Schauspielern immer wieder bezwungen werden. Manchmal erinnern die Kästen, die Bühnenbildner Dirk Becker für dieses Stimmenlabyrinth entworfen hat, an finstere Katakomben, um hoch aufgetürmt auf einen Fluchtweg zu deuten, auf dem es irgendwann nicht mehr weiter geht.

Um 4.48 Uhr ist der Moment der Klarheit vor dem ewigen Licht, aber auch der, wo sich die Stimmen bei Vernunft glauben, die sich für das Sterben bestärken und nicht erst den nächsten Verzweiflungsschub abwarten wollen, wo die Bildern von zerstückelten Puppen und absurden Trotteln rumoren. Laut wummern die Beats für den nächsten Ausbruchsversuch aus diesem Kopflabyrinth und dem befreienden Aufruhr der Körper, in denen sich auch die Kampfansage der Autorin spiegelt. Seht her, ich entscheide und sonst niemand, während ich mich hier wie in einem Spiegel betrachte und zur Schau stelle: Wütend und überfordert von all dem, was meine Sinne mir zumuten, aber auch nicht abgeneigt, die gelegentlich die Ironie um Hilfe zu bitten.

Energisch verweigert sich der Text dem Klima eines Trauerspiels, selbst wenn die britische Dramatikerin darin die Optionen für ihren Suizid konsequent austariert. In diesem Sinne bestärkt Valenti Rocamora i Toràs Inszenierung vor allem die Momente von Selbstbestimmtheit, die Sarah Kane sich mit ihrem letzten Stück erkämpft. So verwirrend die Stimmen in ihrem Kopf anmuten, die assoziativ ausschweifen und dann auch überfordern wollen umkreisen sie an diesem Abend auch ein dramatisches Täuschungsmanöver. Es geht in Psychose 4.48 kaum noch um die Frage, ob und wie das Leben weitergehen kann oder eben nicht. Die Entscheidung ist längst gefallen, noch während die Stimmen nach den Episoden eines Stationendramas greifen und die Schauspieler in einer letzten Choreografie noch einmal alle Erinnerungssplitter und Erfahrungsbruchstücke wie zu einem Puppenspiel zusammenfügen. Das einzig haltbare Glücksmoment hat sich schon viel früher abgezeichnet und nur vielleicht um 4.48 Uhr. Doch von da an hat der Körper das siegessichere Lächeln lieber für sich behalten.

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