Deutsches Theater

Rubrik: Theater, Literatur

Junge Leute im Haus, das ist doch schön, denkt sich Anne. Doch schon der Antrittsbesuch mit Johannes und Eddi rückt die Verhältnisse in ein ganz anderes Licht. „Wir sind die Neuen“ verkünden die Drei auf der Bühne des Deutschen Theaters und das auch mit der Aussicht auf ein gemeinschaftliches Miteinander. Das sehen ihre jungen Nachbarn ganz anders. Mal was Schweres tragen, ginge ja noch. Hauptsache, der Putzdienst im Hausflur wird eingehalten. Barbara, Katharina und Thorsten sind vor allem im Examensstress. Da nervt einfach der ständige Krach, den dieses Alt-68er-Trio macht. Dauernd reden die miteinander, streiten sich über Internetanschlüsse und alte Beziehungsgeschichten und hören auch noch Musik.

Schon in Jeremias Böttchers Bühnenbild für die Ralf Westhoffs Komödie „Wir sind die Neuen“ zeichnet sich ein mittelschwerer Culture Clash ab. Bei den Jungakademikern geht es natürlich absolut proper und wortkarg zu. Denen kämen mit Sicherheit auch keine Wäscheständer mit nassen Unterhosen ins Wohnzimmer und erst recht keine Basilikumtöpfe oder Lebensmittel, um später gemeinsam zu kochen. Wozu gibt es schließlich Lieferdienste. Der fassungslose Blick von Lutz Gebhardts Eddi spricht Bände. Auch der von Paul Wennings Johannes. Kein Altglas von der letzten Party im Flur. Nirgendwo stapeln sich Schlafsäcke. Angelika Fornells Anne weiß auch nicht so recht, wie sie das finden soll, dass diese jungen Leute Fotos ihrer Schuhe auf die Schuhkartons kleben, damit auch alles richtig zusammenpasst. Dafür poltert jetzt ständig jemand von oben mit dem Besenstiel.

Einladungen zum Frisbee Spielen sind genauso unerwünscht wie die Idee zu einer gemeinsamen Party. Also ziehen die drei WG-Veteranen erst mal um die Häuser und erwarten die nächsten Klopfzeichen von oben und den nächsten empörten Aufruhr an der Wohnungstür, die schon bald in den Angeln hängt. Bei ihnen steht ja keineswegs alles zum Besten, denn das Wohnbündnis nach so langer Zeit ist vor allem den Lebensumständen geschuldet. Biologin Anne ist knapp bei Kasse. Altersvorsorge war bei ihrem Engagement für Umwelt und Naturschutz nicht eingeplant. Eddi wurden nach der Scheidung des Feldes verwiesen und ist gesundheitlich ziemlich angeschlagen, was möglichst niemand wissen soll. Auf halbwegs stabile Verhältnisse kann eigentlich nur der Jurist Johannes vertrauen. Aber sobald das Gespräch auf früher kommt, auf studentische Revolten, erkämpfte Freiräume, WG-Zentralversammlungen und viele gemeinsame Feste, meldet sich auch das Unbehagen über nachfolgende Generation und diese Lerndeppen von neben an. Die hängen für Regelstudienzeiten und Karriereplanziele offenbar nur noch mit dem Coffee to go und dem China Imbiss am Laptop.

Natürlich sind auch die Figuren von Marius Ahrendt, Dorothee Neff und Gaia Vogel komödiantisch zugespitzt. Doch die coolen, straighten Posen, mit denen sie Thorsten, Katharina und Barbara gestalten, lassen ahnen, dass den Youngsters Begriffe wie Hedonismus oder Lebensgefühl eher suspekt sind. Dass es jetzt und künftig vor allem um ein Optimum an Leistungsvermögen geht, weil sonst die Karriereleiter ganz schnell zusammenfällt und dass ihnen das gelegentlich auch Panik macht. Es kracht dann doch im funktionalen WG-Alltag, weil Thorstens Bandscheibe protestiert, Barbara im Liebeskummer versackt und Katharina im juristischen Regelwerk nur noch irrlichtert. Und dann dürfen ihnen die alten Poltergeister auch zur Seite stehen.

In der Inszenierung von Erich Sidler nimmt der komödiantische Culture Clash auch zwischen den Zeilen eine besondere Wendung. Über Examenshilfen, Beziehungstipps und Support in Sachen Physiotherapieaneinander tasten sich die beiden WG-Lager eben nicht nur komödiantisch aneinander heran. Es geht auch um das wechselseitige Verständnis und das Vertrauen in diese alltäglichen Momente, die nicht planbar sind und auch dann erst bereichern können, wenn sie zugelassen werden. Weder Johannes und Katharina, noch Anne und Thorsten oder Barbara und Eddi bilden jetzt ein Generationen-Dreamteam Aber sie strahlen etwas Liebenswertes aus, wie sie sich einander immer ein bisschen mehr zumuten, sich dabei auf den Geist gehen, anecken und gern mal überraschen. Darin bestärkt sie das Schauspielteam, das auch eine Geschichte über dünnhäutige und verletzliche Zeitgenossen und ihre Schutzbarrieren erzählt und wie viel Geduld die es braucht, die ein bisschen aufzuweichen. Die WG-erprobten Zuschauer erleben viel Vertrautes an diesem Theaterabend. Die heimlichen Kühlschrankplünderungen und die lästige Verteilung der Haushaltspflichten aber auch mal ein offenes Ohr zur rechten Zeit oder ein Stück Geborgenheit. Die alten WG-Modelle sind wie auch ihre Bewohner in die Jahre gekommen. Aber die abschreckende Wirkung von Miettarifen und Einzeller-Appartements besteht ja weiterhin und da sind in dieser Komödie auch beide WG-Lager gemeint. Egal ob es bei ihnen chaotisch oder ordentlich, laut oder leise zugeht, die Aussichten für gemeinschaftliche Unternehmungen sind auf alle Fälle die besseren, ob nun vorübergehend oder auf Dauer. Jetzt wird erst mal die propere Küche bekocht und niemand klopft mehr an die Decke.

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