Deutsches Theater

Die Biedermeieridylle der Bühne mutet so schön romantisch an, mit dem kuscheligen Sofa und den kleinen Büchertürmen, die vermutlich auch romantischem Lesestoff versprechen. Schon nähert sich eine Gestalt in schwarzer Kutte im Schein einer Kerze und lässt es hochpoetisch aus den finsteren Verliesen eines blauen Turmes gruseln.

Poetisch bewegend wird bei dieser NachtBar des Deutschen Theaters immer wieder, denn Regieassistentin Hannah Spielvogel und Schauspieler Gerd Zinck haben sie zum literarischen Wohnzimmer für einen Wettstreit der Poeten erklärt. Wie bei einem klassischen Poetry-Slam entscheidet natürlich am Ende der Applaus. Zunächst wird allerdings ein Siegerbeutel herum gereicht, in den das Publikum kleine Überraschungen für den gelungensten poetischen Treffer versenkt, um sich dann von dramatischen Balladen, spöttischen Vierzeilern, lyrischen Gemälden und poetischen Attacken überraschen zu lassen.

Zunächst fasziniert Schauspieler Daniel Mühe mit Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ und diesem hoch dramatischen Abenteuer über einen Freundschaftsbeweis. Nur ein bisschen erfolgreicher punktet Fabian Hartje vom DT-Jugendclub in der Publikumsgunst mit Gedichten von Berthold Brecht. Schauspieler Christoph Türkey widmet sich mit Heinz Ehrhardt dem Meister des „Vierzeilers“ und reimt sich unter großem Gelächter über Nashörner, Trockenhörner, saure Zitronen und dritte Zähne in die nächste Runde.

Gleich mehrfach wird das Applausbarometer von Hannah Spielvogel und Gerd Zinck abgerufen, weil Viktoria Labitzke vom DT-Jugendclubteam mit dem Gedicht über den Heiligen Abend eines Einsiedlers ebenfalls Beifallsstürme bekommt. Die gibt es auch für Stefan Simon vom DT-Beleuchtungsteam, der spontan den Gästelistenplatz bei diesem poetischen Wettstreit übernommen hatte, um dann spontan Friedrich Schlegels erotische Attacke auf die beliebten romantischen Liebesschwüre zu rezitieren.

Fast flüsternd beschwört Florin Eppinger die gespenstischen Bilder in Conrad Ferdinand Meyer in seiner Ballade „Die Füße im Feuer“ herauf. Wie gebannt lauscht das Publikum, das auch für diese bewegenden Gänsehautmomente stimmt, nachdem es von Judith Strößenreuter mit der poetischen Magie von Federico Garcia Lorca verzaubert wurde.

So zielsicher wie Schillers Wilhelm Tell landet Hannah Spielvogel nun noch einem unterhaltsamen Treffer mit Heinz Ehrhardt, der sich auf den berühmten Apfelschuss seinen vergnüglich frechen Reim machte. Spannend und sagenhaft, schaurig, romantisch und heiter gestaltet sich dann auch das Finale in diesem literarischen Wohnzimmer. Jetzt sind nicht mehr die Lieblingsgedichte der vier Endrunden-Slammer gefragt sondern Verse aus der Sammlung der beiden Gastgeber. In Detlev von Liliencrons poetischen Sage vom “trutzblanken Hans“ geht es auf stürmisch tödliche Fahrt über die Nordsee, bei Wislawa Szymborska führt die lyrische Reise in die antiken Unterweltgewässer des Styx und auch Ina Seidels Regenballade lockt in dunkle, geheimnisvolle Regionen. Doch am meisten begeistert sich das Publikum für Erich Kästner und sein „verhextes Telefon“ und für Fabian Hartje, der am Ende auch den Siegerbeutel bekommt.

Ebenso enthusiastischen Beifall gibt es für das gesamte Poetenensemble und seine Gastgeber und eine DT NachtBar mit ganz viel Dichterliebe.

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