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Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ gehört zu den beliebtesten und meist-adaptierten Erzählungen der Weltliteratur. Was könnte über den Ursprungsstoff hinaus also noch gesagt werden, das nicht schon längst von Dickens selbst oder einer der vielzähligen Adaptionen gesagt worden ist? Was ließe sich seit den Interpretationen der Muppets, der beliebten Disney-Figuren oder Bill Murray noch entdecken, das bis dahin verborgen geblieben war? Und wie ließe sich die Geschichte vielleicht sogar ein Stück weit neu denken? Möglicherweise besteht eine Möglichkeit darin, die Geschichte zunächst einmal verstummen zu lassen, um sie dann mit einer anderen Stimme neu zu erzählen. In der Interpretation des Theater im OP unter der Regie von Miriam Feix und Franziska Karger bedeutet diese Suche nach einer neuen erzählerischen Stimme, zunächst einmal einen Wandel des Formats. Abgesehen vom offensichtlichen Transfer vom Buch auf die Bühne, betrifft das die Übersetzung in eine andere Sprache. Neben der deutschen Lautsprache wird die Geschichte nämlich gleichermaßen in deutscher Gebärdensprache aufgeführt. So wird aus Dickens Erzählung ein bilinguales Theaterstück.

Die Integration der Gebärdensprache wird dabei nicht bloß als verkörperlichte Untertitel-Spur für Gehörlose verstanden, sondern als ein komplementäres Element gedacht, das die Stimmung des Stückes ganz entscheidend mitgestaltet. Der Kniff, das Stück bilingual zu interpretieren, darf also nicht als bloßer Dolmetscher-Service missverstanden werden, stattdessen entsteht auf der Bühne gerade dadurch immer wieder ein wunderbares Stimmen- und Sprachgewirr: Ebenezer Scrooge (in deutscher Gebärdensprache gespielt von Nils Finck, in deutscher Lautsprache gespielt von Tom Röber) spiegelt in seiner seltsamen Doppelung immer wieder die eigenen Manierismen und Ausrufe wieder, gleichzeitig erweckt seine Doppelbesetzung den Eindruck, als befände er sich in einem ständigen inneren Monolog, der aufgewühlter wird, je schmerzhafter die Erinnerungen wirken, die die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ihm bringen.

Das Stück versteht die Gebärdensprache als eben das: eine Sprache. Die Integration dieser Sprache stellt eine zusätzliche Ausdrucksform für die Figuren bereit, die die Welt dieses Stückes bevölkern. Insofern wird Dickens Stoff tatsächlich ein Stück weit neu gedacht, wenngleich sich auch „nur“ an den bekannten Handlungspunkten abgearbeitet wird. Zudem wird ein Vorteil sichtbar, der sich aus der Kombination einer verbalen mit einer nonverbalen Sprache ergibt: die Sprachen dürfen überlappen und durcheinandergehen, ohne, dass für den Zuschauer ein unüberschaubares Sprachchaos entsteht. Darüber hinaus ergeben sich für den hörenden Zuschauer immer öfter Momente der Stille, die Raum für eigene Gedanken lassen, statt diese mit Musik oder gesprochenem Text stetig forcieren zu müssen.

Verbale und nonverbale Kommunikation erfolgt im fließenden Übergang, das eine vervollständigt das andere und nur die wenigsten Figuren treten in zwei Ausführungen auf. Jacob Marleys Geist (Henning Bakker) ist beispielsweise ein ganzer Chor gequälter Seelen auf dem Fersen, während andere Figuren nur mit Gebärdensprache auftreten. So werden die Gemeinsamkeiten und Parallelen der Sprachen sichtbar und die Anteile nonverbaler Kodierung, die zwischenmenschliche Kommunikation sowieso immer mitprägt. Manches muss eben überhaupt nicht verbalisiert werden, um verstanden zu werden. Die ständige Fluktuation, das spielerische Miteinander der Elemente spiegelt sich auch in der Gestaltung der Bühne wieder: die Erzählung entfaltet sich auf drei Etagen, zwischen denen die Figuren laufend wechseln, gleichzeitig erlaubt es ein drehbares Bühnenelement sich ganz physisch in das Unterbewusstsein von Scrooge zu begeben, und damit zu dem, das verborgen oder verdrängt worden ist, um es dann ins Licht des Scheinwerfers zu zerren.

Das Licht, das dann auf die Person Ebenezer Scrooge geworfen wird, ist ein hochaktuelles: dieser denkt alle erdenklichen Lebensbereiche ökonomisch und bewertet sie nach ihrem ökonomischen Nutzen. Damit ist Scrooge die prototypische Verkörperung des Homo oeconomicus, des Nutzenmaximierers, der alles und jeden einer neoliberalen Marktlogik unterwirft. Sein ökonomisches Denken macht auch vor dem Mythos nicht Halt; so versucht dieser selbst aus den verstörenden Geistererscheinungen noch Profit zur eigenen Selbstoptimierung zu schlagen. Ein Blick in die Zukunft mit dem Geist der kommenden Weihnacht legt ihm nahe, dass sein Denken nicht bloß biografisch zu erklären ist, er also durch soziale Zurückweisung verbittert geworden ist, sondern sich zu einer Ideologie verfestigt hat, die sich gesellschaftlich verbreiten lässt. In der Zukunftsvision seines Todes wird gezeigt, wie diesem das letzte Hab und Gut aus dem Haus gestohlen wird. Selbst vor dessen noch warmer Bettdecke wird nicht Halt gemacht. Der Tod wird, so wie die Liebe, restlos ökonomisiert. Scrooge sieht das Erbe seines neoliberalen Denkens und wird durch Bilder heilender Familienidylle und christlicher Werte wie durch ein Wunder in nur einer Nacht zum großherzigen Philanthropen. Hier wird „Eine Weihnachtsgeschichte“ endgültig zur Fantasie, die alle ideologischen Lesarten des Stückes aufzulösen versucht. Vielleicht ist das, das wirklich fatale daran.

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