Junges Theater

Es raschelt und rumpelt, zwitschert und klappert auf der Bühne des Jungen Theaters. Überall lagern Requisiten, mit denen das Schauspielteam Geräusche kreiert. Da quietschen rostige Gartentüren und bei hohem Seegang blubbert es dramatisch aus einer Wasserflasche während der Wind rauscht. Regisseur Eike Hannemann hat auch ein schönes Bild für seine Ausstattung des Bühnenraumes gefunden, um mit dem Ensemble die dramatisierte Fassung des Romans von Joachim Meyerhoff zu erzählen. Lautsprecher rahmen die Ereignislandschaft in der Sammlung von Episoden einer Familiengeschichte, in die der Autor hinein gelauscht hat: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Dazu gehören neben den erinnerten Bildern und Gesprächen eben auch die Geräusche, die eine Stimmung vertiefen oder verfremden oder einfach nur damit spielen.

Es geht in Meyerhoffs literarischen Flash Backs vor allem um das Imaginieren von Erinnerungen und wie dabei Fantasieräume entstehen. Die Fakten mögen sich vielleicht anders darstellen. Aber dagegen spricht in diesem Fall der Wunsch, die ganzen alten Ablagerungen neu zu entdecken und kreativ wiederzubeleben, dem sich auch Hannemanns Inszenierung widmet.

In der Rolle des siebenjährigen Joachim Meyerhoff, genannt Josse, begibt sich Andreas Krüger zunächst an ein Lesepult, um etwas ganz Dramatisches von einem ersten selbstständigen Schulweg zu erzählen. Wie er sich in einer wilden Schrebergartenlandschaft fast verirrte, im Gestrüpp einen Toten entdeckte und in der Klasse das Erlebnis noch ein bisschen ausschmückte, bis es wie eine echte Horrorgeschichte klang. Seine Schauspielkollegen bestärken ihn mit tollen Geräuschen und aufgeregtem Stimmengemurmel. Der jugendliche Chronist fühlt sich wie befreit, wenn er nun feststellt, „Erinnern heißt erfinden“. So können aus alten Geschichten an all diesen seltsam skurrilen Schauplätzen immer wieder neue entstehen.

Die Familie lebt auf dem Gelände einer Psychiatrischen Anstalt für Kinder und Jugendliche, wo der Vater (Jan Reinartz) als Herrscher über vielen die schrägen Gestalten natürlich der große Held ist, der seine Patienten sogar zum Geburtstag einlädt. Die Mutter (Agnes Giese) hat diesmal Bienenstich gebacken, wunderbar zum zerkrümeln und zum Kreischen über Honigbienen und ihre Stacheln. Bei den Kabbeleien mit den älteren Brüdern (Jacqueline Sophie Mendel und Karsten Zinser) zieht Josse meist den Kürzeren. Dafür kann er schön laut kreischen, mindestens so laut wie die Patienten, bei deren nächtlichen Geschrei er am besten schläft. Der Hund der Familie macht alles mit – Katharina Brehl ist in der Rolle des tierischen Gefährten eine wunderbare Spielpartnerin, die nicht gleich bellt, wenn sie für eine Blutsbrüderschaft ein bisschen angeritzt wird, sondern dann halt die Augen verdreht.

Das war auch eine fantastische Geschichte, als Papa seinen Segelschein machen wollte und auf dem Wasser kläglich versagte während Mama die Stellung hielt. Dann waren Ferien auf dem Lande angesagt, mit bäuerlichen Nachbarn, Trecker, Schafen und Kühen. Dazu gibt es natürlich ebenfalls den passenden tierischen Sound. Unbedingt erzählt werden muss auch von der Schneekatastrophe, als alle vor dem Fernseher saßen, weil Papa nach einem heldenhaften Rettungseinsatz interviewt wurde. Doch dann bekommt die heile, wilde, turbulente Familienwelt, wo eigentlich alles normal und verrückt zugleich anmuten kann, allmählich Risse. Der Vater verschwindet immer öfter zu einer seiner Geliebten, die Mutter sehnt sich nach wärmender Leichtigkeit und fröstelt stattdessen unter einer Heizdecke dem nächsten Anruf ihres italienischen Freundes entgegen. Die Nachricht vom tödlichen Unfall seines Bruders erreicht den Austauschschüler in der amerikanischen Bibel Belt Provinz bei seinen ersten sportlichen Höhenflügen unter dem Basketballkorb. Der Familienhund verröchelt sein Leben in einer Tierklink. Unauffindbar bleibt der früher so gewaltig und bedrohlich anmutende Patient, den alle Glöckner nannten, bis auf diese metallene Tonspur von seiner ständig bimmelnden Glockensammlung.

Ein Riss geht auch durch Hannemanns Inszenierung, wenn es jetzt um Tod, Abschiede und Verluste geht und nicht mehr um diese vielstimmige Bilderwelt eines Kindes sondern die eines jungen Erwachsenen. Die vielen visuellen und akustischen Effekte haben nicht mehr diese bestärkende Wirkung, wenn Andreas Krüger mehr und mehr zum teilnehmenden Beobachter wird, der sich aus den spielerischen Episoden zurück zieht und sie meist am Mikrofon reflektiert.
Der wuchtige Ledersessel im Zentrum der Bühne markiert nun auch das veränderte Zuhause, wo Patientin Margret weiterhin so gerne irrlichtert und Dietmar immer noch wissen will, wie die Welt eigentlich tickt. Aber jetzt erzählen die Gedankenbilder mehr als die Übersetzung in eine bühnenwirksame Situation mit realistischem Klima, wenn sich Jan Reinartz als vom Krebsschmerz gepeinigter Vater in diesem Sessel krümmt, während Andreas Krüger von den nächtlichen Schreien erzählt, die die Wände durchdringen. Hier zeigt sich, dass Erinnern eben nicht nur Erfinden meint und nicht nur in Fantasieräumen stattfindet, wo die assoziativen Signale ständig rotieren. In dieser manchmal auch erschöpfenden Überfülle bleibt wenig Raum zum Innehalten, um sich den Bildern anzuvertrauen, die sich der Illustration verweigern, ohne dass sich ihre berührende Kraft irgendwann verflüchtigt.

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