Kreis 34

Die Göttinger Künstlervereinigung Kreis 34 wurde im Jahr 1969 Göttinger Künstler Henry Hinsch, zusammen mit Helmut Bönitz, Erika Meyer-Bothling und Wolfhard Petrikat gegründet. Im Künstlerhaus wurde nun die Jahresausstellung vom Kreis 34 eröffnet. Zur Vernissage sprach Tina Fibiger die einführenden Worte, die Sie hier im Wortlaut nachlesen können:

Es gibt diesmal kein verbindendes Thema für die traditionelle Gemeinschaftsgalerie; nur den Hinweis auf Malerei, Skulpturen und Fotografie und dann dieses Plakatmotiv, das sich zwar symbolisch mit der Kreisform am Kreis 34 orientiert aber spekulativ offenbleibt. Das gilt möglicherweise für all die Ecken und Kanten, die auch eine Rundung aushalten muss, um nicht wie ein geometrisches Konstrukt zu erstarren. Gleichzeitig rumort es in dieser schwungvollen Farbgeste, weil jede künstlerische Handschrift quasi ihre eigenen Kreise zieht - auch im Sinne von Widersprüchen, Gegensätzen und Kontroversen, die auf die eine Künstlergemeinschaft angewiesen ist, um sich produktiv zu verständigen und zu bestärken. Das Eigene und das Eigensinnige in Themen und Motiven, Techniken und Materialien, wie es im Atelier oder in der Werkstatt reift, erfährt ja seine ersten Reibungsflächen zunächst in der Korrespondenz mit den Arbeiten der Künstlerkolleginnen und Kollegen und erst dann in der gemeinschaftlichen Begegnung mit den Betrachtern.

Zurück zu dem schlichten Hinweis Malerei, Skulptur, Fotografie, an den sich in dieser Gemeinschaftsausstellung spontan die Materialfrage anschließen ließe. Sie umkreist hier das essenzielle quo vadis; wie sich schöpferische Impulse und Gedankenbilder immer wieder anders mitteilbar machen lassen und wie sie dabei den Dialog mit Holz und Stein ebenso herausfordern wie den mit Metall und Pappe, Stoffresten und alltäglichen Requisiten. Die Farbbegegnung kann mit dem Pinsel oder dem Spachtel stattfinden, drucktechnisch und lithografisch verfremdet werden, so wie auch die Motive unterschiedlich auf Leinwand, Baumwolle und Papier reagieren. Die erste Herausforderung zum Dialog liegt also in dem Material selbst, das sich in vielen Arbeiten unmittelbar gegen andere Werkstoffe behaupten muss und seinen Bedeutungsgehalt erst im Zusammenwirken aller Elemente erfährt.

Schon im weißen Saal kommt es dabei zu wunderbar subtilen Korrespondenzen, wo Maria Truskolawska das Blattgold einfach nicht dominieren lässt und es mit roten Farbgesten und dunklen Schattierungen in eine fließende Bewegung treibt. Im Titel dieser Serie „Schwarz Rot Gold“ mit ihren zerklüfteten Farblandschaften lauert natürlich ein weiteres subtiles Signal über das nationale Schwarz Rot Gold, das sich nur noch auf Fahnen und Flaggen harmonisch arrangiert, während der gesellschaftpolitische Kontext wenig edelmetallischer Glanz zu vernehmen lässt.

Einer weiteren Herausforderung stellte sich Greta Mindermann-Lynen. Statt auf die vertrauten steinernen Fundstücke hat sie sich bei ihren aktuellen Skulpturen auf hölzerne Funde und deren eigenwillige Materialität eingelassen. Der dominierenden Wirkung der Oberflächen mit ihren Verwitterungs-und Verästelungsspuren trotze sie schließlich mit schwarzer Farbe. Erst dabei erfuhren die destillierten Formen ihre entscheidende inhaltliche Verdichtung; als grazile Gestalt oder auch als dunkle Festung Europa mit uneinnehmbar drohenden Spitzen.

Das skulpturale Element klingt auch in Mindermann-Lynens fotografischen Arbeiten an, wo die starren Elemente eines Brettspiels in den lichten Pastellräumen wie verwandelt erscheinen und die Form transparenter Farbschwingungen annehmen. Die skulpturale Wirkung im weißen Saal spricht auch aus den Arbeiten von Sabine Schäfer und Andreas Tichy. Fast als ob ihre Landschaft von Kohlköpfen über den Bildraum hinaus ihr feines Blattwerk ausbreitet und sein „Foreign Faith“ nach einem schützenden Ort Ausschau hält, lieber den skulpturalen Spuren folgt und die Nähe zur Festung Europa scheut.

Hier im großen Saal des Künstlerhauses umkreisen sich Licht und Schatten, Innenwelt und Außenwelt mit berührender Wirkung. Das Licht taucht die Pflanzenparadiese von Anna Tarach in eine Fantasielandschaft mit faszinierenden Farbschimären und Luftspiegelungen, durch die ein zarter Dunst geistert. Der Blick kann sich in illusionären Räumen wie in einer Fata Morgana verschwärmen, sich darin auch ein bisschen verlieren oder einfach diese Momente des Innehaltens annehmen und genießen. Was das Innehalten betrifft, kommt es auch in diesem Raum erneut zu subtilen Korrespondenzen .Vielleicht wird auch Friederike Hammers „Fremder“ noch eine Zeit lang so offen abwartend verweilen, wie die „Back Stage“ Flüchtlinge von Arash Garemani in sich zu ruhen scheinen, bevor sie sich wieder ihrem Auditorium für andere flüchtige Momente stellen. Auch seinen „Wächtern der Nacht“ gönnt Garemani eine kontemplative Zeitrechnung und das nicht etwa, weil ihr flatterhafter Flug in der Dunkelheit erschöpft hat. Der Fotograf hat ihnen das nächtliche Blau entzogen, nachdem er sie durch ein Fenster aufgenommen hat und mit der gebrochenen Sepiatönung des Fotopapiers verwebt. So verweilen sie schemenhaft, fast wie mit dem Zeichenstift geformt, vielleicht sogar schon eine kleine Ewigkeit in diesem Labyrinth von hängendem Geäst.

Anders umtriebig sind die Arbeiten im benachbarten Galerieraum mit den markanten Säulen. Schon auf dem Weg dahin kommt es zu kreativen Reibungsflächen mit modischem Schuhwerk, deren Trägerinnen Ute Dietrich den Bildraum verweigert hat. Da posieren nur noch die „black shoes“ neben den „green shoes“ und den „red shoes“ in gepflegtem Designergartengrün. In Christiane Christens wunderbar wild ausufernder Waldlandschaft wären sie vermutlich nicht nur modisch aus dem Takt geraten.

Auch in diesem Raum zirkulieren die Materialien. In Christens Arbeiten brechen Metallrahmen den vielfarbigen Wildwuchs in seinen Schwingungen. Bei Wolfgang Hiltscher scheinen die Strohreste weiterhin aus dem düsteren Bildraum zu wuchern. Sie sind so fassbar wie der Stein, der darin wie ein mahnendes Relikt eingelagert ist und jederzeit wieder zum Mordwerkzeug werden könnte, wie es der Titel dieser Arbeit andeutet. „Kain erschlug Abel“ und hinterließ eine verbrannte Erde, von Rauchschwaden getrübt mit Brandwunden, die immer noch hitzig glühen.

Die steinerne Härte, die die Farben auf der Leinwand ausstrahlen, könnte sich auch in der Stahlskulptur von Frank-Helge Steuer wiederspiegeln. Aber in dem Fall trügt der Schein, weil hier der Stahl eine sinnliche Körperlichkeit erfährt, wie er diesen figurativen Innenraum mit der Gestalt einer Frau so sanft ummantelt und den Umriss ihres Kopfes auf zwei Gesichter überträgt; auf ein junges und ein altes. Der Umriss lässt beide Sichtweisen zu und so bleibt der Blick ständig in Bewegung wie auch diese janusköpfige Gestalt, die der stählernen Härte des Materials zu trotzen scheint.

Dem klassischen Portrait und den mimischen Fassaden verweigern sich die Gesichter und die Körper bei Karl-Heinz Haselmeyer schon so lange. Wir begegnen ihnen auch in dieser Gemeinschaftsausstellung wieder, wie sie sich in Stimmungssplitter auflösen, die Gesichter verzerrt erscheinen, zugespitzt oder verkantet , durchdrungen von Farbschatten. In ständig wechselnden Facetten ringen sie ringen weiterhin um das, was an Emotionen nicht nach draußen dringen darf, als ob sie den Moment der Enttarnung ihres verborgenen Innenlebens scheuen, dem Haselmeyer nachspürt.

Schon der Titel ihrer Serie „Metallwerk“ markiert bei Käthe-Charlotte Sablotzki-Weise ein neues Experimentierfeld. Mit dem Werkstoff Metall stellte sich die Malerin auch einer Herausforderung, die ihre Motive thematisch grundiert. Es sind die zeitgenössischen Räderwerke, in denen es ständig pulsiert und rotiert, wo es um Zählzeiten und dynamische Prozesse geht, Ertragsrechnungen und einen virulenten Output. Fast scheint es, als ob das Metall hier zum ruhenden Element zwischen den funktionalisierten Farbräumen wird, das sanfte Bewegungen einfordert und damit auch das Moment der Entschleunigung.

Auch hier kommt es wieder zu einem ganz subtilen Dialog. Die Arbeiten von Bernd- Michael Hoffmann, erden dieses Metallwerk Panorama, seine Skulpturen in Holz und Stein und besonders diesen malerischen Verwerfungen über „altes Wissen“, das auf der Leinwand in einem moderateren, leisen Takt pulst. Der schöpferische Kontrast folgt unmittelbar im hinteren Galerieraum mit den Arbeiten von Bernhard Preis, in denen sich zwischen Häuserkulissen und medizinischen Versorgungseinheiten wieder die beschleunigte Zeitrechnung spiegelt. Vergeblich irrlichtert die Schattengestalt durch die Betonschneise. Kraftlos herab hängt die Hand, über der sich ein Panorama von Erinnerungssequenzen gebildet hat, die noch verweilen wollen.. vielleicht so wie dieses alte Wissen“, das bei Mina Farjadi in Gefangenschaft geraten ist.

Für uns als Betrachter ist es kaum vorstellbar, mit wie viel Leidenschaft sie sich den Folgen ihrer Krankheit stellt und wie sehr sich ihre Collagen gegen den Schmerz und die Verzweiflung in diesem sprachlosen Raum aufbäumen. Und so muss nun der Puppenkopf erzählen, wie es ist, wenn der Körper abgespalten scheint und die Gliedmaßen nur noch hauchdünne Fäden sind. Dann sprechen Knöpfe, Stofffetzen, winzige Zeitungsausschnitte und Ausrisse aus Fotos, wo statt des Gesichtes nur noch ein Loch ist. Auch Federn, getrocknete Blüten und Blätter, Draht, Nadeln und abgebrannte Streichhölzer suchen die Berührung für ein Bild oder eine Assoziation in der Erinnerung. Und dann ist da diese knöchrige Kralle, von Stacheldraht umkreist, wie sie nach all dem zu greifen scheint und es halten möchte, so wie diese kleine Knopffigur, die ihre Balance sucht und in einer weiteren Collage ihren Halt an einer anderen Figur findet, die sie auch im Gefangensein noch luftig schweben lässt…damit sie ihre schöpferischen Kreise zieht.

In diesem Sinn ziehen Sie auch ihre Kreise bei dieser Jahresausstellung des Kreis 34. Lassen Sie Eindrücke, Gedanken und Assoziationen zirkulieren und sich davon bewegen, wie von einem vieldeutig kreisenden Chor der Stimmen.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit

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