Clavier-Salon

Innerhalb der Veranstaltungsreihe „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ in Göttingen vom 9. November 2018 bis 30. Januar 2019 hatten die Geschichtswerkstätten Göttingen und Duderstadt zusammen mit dem Pianisten Gerrit Zitterbart in den Clavier-Salon eingeladen.

Im Zuge der Greueltaten in der NS-Zeit wurden viele Komponistinnen und Komponisten verfolgt und zum Teil ermordet. An einige dieser verfemten Künstler erinnerte das Konzert im sehr gut besuchten Clavier-Salon.

Es spielten Studentinnen von der Musikhochschule in Hannover: Ye-Eun Kim, Nahyun Park, Alvyda Zdaneviciute und Gerrit Zitterbart selbst. Vorgesehen waren eigentlich zwei weitere Studierende: sie hatten den Metronom in Hannover in die falsche Richtung bestiegen und landeten in Uelzen. So kann ein Metronom die Musik auch beeinflussen…

Der Abend fand dann ohne die zwei Musikerinnen statt: ein Werk musste mangels Noten gestrichen werden, ein anderes hatte ihr Professor in seinem Clavier-Salon übernommen.

Das 1922 komponierte „Nachtstück“ von Paul Hindemith stand quasi als Überschrift am Beginn des Programms. In düsteren Klängen (Zitterbart: „Es wurde Nacht in Europa“) versprühte der ins amerikanische Exil emigrierte Komponist wenig Optimismus.

Das änderte sich auch nicht bei dem „Notturno“ von Viktor Ullmann. Der 1898 geborene Komponist, Dirigent und Pianist zählte zu den Schülern von Arnold Schönberg. Im Ghetto Theresienstadt wirkte Ullmann als Musiker und Komponist, hier ist auch die Klaviersonate entstanden, aus dem Gerrit Zitterbart das „Notturno“ spielte. Ullmann wurde 1944 nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet.

Der 1972 gestorbene Stefan Wolpe, Jahrgang 1902, konnte rechtzeitig aus Deutschland fliehen. Er experimentierte in vielen Musikstilen und begeisterte sich zwischendurch auch für den Jazz. In der „Rag-Caprice“ dekonstruierte der Jude und Kommunist Wolpe den Rhythmus und die Tonfolgen – eine hohe Anforderung nicht nur an die Fingerfertigkeit eines Pianisten, sondern auch an die Konzentrationsfähigkeit.

Auch die Komponistin Ursula Malok (1923–2016) konnte vor den Nazis fliehen. Die Schülerin von Stefan Wolpe komponierte 2011 „Mosaics“ für Klavier zu vier Händen. Alvyda Zdanevičiūtė und Ye-Eun Kim spielten dieses komplexe, atonale und arhytmische Stück mit Bravour.

Boris Blacher gehört zu den bekannten Namen seiner Generation. Wie die anderen Komponisten des Abends ist auch er um die Jahrhundertwende geboren. Noch 1937 durften seine Werke in Deutschland aufgeführt werden. Als „Vierteljude“ fiel er anschließend aber in Ungnade und wurde nicht mehr aufgeführt. Blacher war aber zu dem Zeitpunkt schon sehr bekannt und hat bedeutende Werke wie die „Concertante Musik für Orchester“ geschrieben. Die „Préludes“, entstanden 1943, hatten ebenfalls Jazz-Elemente, die Zitterbart frech und akzentuiert vorgetragen hat.

Die Klavierstudentin Nahyun Park bewies ihr großes Können am Ende des Abends: die „Mazurka“ von Władysław Szpilman (1911-2000) und die aberwitzigen Jahh-Etüden von Erwin Schulhoff. Die Lebensgeschichte Szpilmans ist durch die Verfilmung seiner Erinnerungen „Der Pianist. Mein wunderbares Überleben“ einer großen Öffentlichkeit bekannt.

Den Geschichtsvereinen und Gerrit Zitterbart kann man sehr dankbar sein, dass sie mit diesem Abend an diese Komponisten erinnert haben. Mit einem ausgesprochen spannenden und kurzweiligen Programm wurde an ein düsteres Kapitel der deutschen Musikgeschichte erinnert.

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