Lokhalle

Wenn die Musik verklingt, schreitet er die Bühne hinauf; im Matrosenzwirn, graue Haare, raspelkurz, verbeugt sich hastig, hallo, guten Tag, hier bin ich! Er holt eine Packung Kippen heraus, zündet sich eine an. Einleitung, warme Worte, er freut sich hier zu sein, Darmstadt und andere Stationen seiner bisherigen Lesereise interessieren ja keine Sau, aber Göttingen sei ihm wirklich wichtig, ein ganz besonderer Ort, später erfährt man auch warum. Einige Zwischenrufe aus der ersten Reihe quittiert er schnell mit ein paar trockenen Kommentaren, anschließend bleibt es ruhig, der Heckler scheint bedient. Gierig greift er nach dem Wasserglas, zieht ein paar Mal an der Zigarette und beginnt etwas zittrig, aber voller Bock, die ersten Zeilen aus „Nüchtern“, einer Novelle von achtzig Seiten, vorzulesen. Das Wasserglas auf dem Tisch hat einen direkten Bezug zur Novelle, denn es hat einen Grund, warum er nur noch Wasser trinkt. Er hätte es mal übertrieben, Alkohol sei für ihn auch immer das Einfallstor für härtere Drogen gewesen, also wollte er lieber ganz verzichten, das ließe sich als Regel auch besser merken.

Stuckrad-Barre erzählt davon, nüchtern zu sein nach Zeiten des Betäubtseins, quasi als Frontbericht von der anderen Seite. Aus der nüchternen Ich-Perspektive verzerrt sich der Abend nicht euphorisch, schraubt sich nicht kontinuierlich in emotionale Höhen, sondern wird immer witzloser. Die Bar-Gesellschaft des Ich-Erzählers bringt es bei Stuckrad-Barre zur Meisterschaft in Sachen unbewusster Selbsttäuschung; die Worte werden immer größer, während der Inhalt immer schmaler wird. Die eigentlich direkte Sprache verschachtelt sich in den Schilderungen immer wieder durch Einschübe, Anmerkungen, Fußnoten und Kommentare. Vor allem Komposita, also kreative Wortzusammensetzungen, verlängern die Sätze, während sie die Sprache beschleunigen.

Stuckrad-Barre hat eine Vergangenheit in Göttingen, aus der an diesem Abend ausgiebig erzählt. Bevor er nach Hamburg ging, legte er sein Abitur auf dem Max-Planck-Gymnasium in Göttingen ab. Darüber hinaus ist er eng mit dem Göttinger Literaturherbst und insbesondere seinem 2014 verstorbenen Initiator Christoph Reisner verbunden, welchem er an diesem Abend zwei Lieder widmet. Gemeinsam mit dem Publikum singt er den Take That-Hit „Back for Good“, sowie Robbie Williams „Angel“. Es wird mitgesungen, die Handys in die Höhe gestreckt. Die Lokhalle kocht nicht über, aber sie wird allmählich aufgewärmt. Seine Leidenschaft für Pop-Musik kauft man Stuckrad-Barre derweil vollends ab. Er schreibt nicht ohne jede Ironie über ein Madonna-Konzert in Los Angeles, diese verfolgt jedoch nicht den Zweck, sich über die Dinge zu erheben. „Angel“ singt er mit Inbrunst, weil es gar nicht anders gesungen werden kann, ohne es seiner erbaulichen Wirkkraft zu berauben. Den Namen von Madonna ersetzt er in der Lesung durch den der CDU-Politikerin Annegret Kamp-Karrenbauer – ein Überbleibsel aus einem Einschub über Tagespolitik und AfD, das auf Bühnen gegenwärtig anscheinend nicht fehlen darf, Komplexes aber vor allem unterkomplex abhandelt.

Göttingen und die Begegnung mit Christoph Reisner schildert Stuckrad-Barre als Keimzelle seines späteren Erfolgs. In Erinnerung an diese Zeit, liest er aus dem Buch „Livealbum“, in dem er eine Lesung in Göttingen schildert, die er gemeinsam mit seinem guten Freund und Schriftsteller Christian Kracht gegeben hat. Im Koks-Größenwahn sollte das Alte Rathaus abgefackelt werden, stattdessen fackelten sich die beiden vor allem selber ab. Aus dem Alten Rathaus wurde im Buch aus Coolness-Gründen nur „das Theater“, was Stuckrad-Barre nicht ohne jede Selbstironie kommentiert. Die besondere Beziehung zur Stadt Göttingen wird in seiner Literatur augenscheinlich, aber auch in den Anekdoten und Erinnerungen, die er zwischen den vorlesenden Abschnitten frei erzählt. Göttingen ist schließlich nicht Darmstadt. Nach über zwei Stunden verbeugt sich Stuckrad-Barre abermals, findet abschließende, warme Worte für Stadt und Leute, vor allem den Literaturherbst. Dann verschwindet er hinter der Bühne und taucht nicht wieder auf. Zugaben sind schließlich überbewertet.

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