Literarisches Zentrum

Was wirklich in dem 12jährigen Théo vorgeht, ahnt noch nicht einmal seine Lehrerin Hélène – auch nicht, dass er ganz bewusst auf seinen Selbstmord zusteuert. Sie sorgt sich um den stillen, braven Schüler, der dem Unterricht fast nur noch teilnahmslos folgt und so untröstlich wirkt. nur die Leser in Delphine de Vigans Roman „Loyalitäten“ erfahren von seinen Gedanken und von diesem heimlichen Hilfeschrei, in dem die einsame Verzweiflung des Jungen zum Ausdruck kommt. „Ich liebe es, den Alkohol in meinem Körper zu spüren.“

Wie in dem Roman auch, kreist das Gespräch im Literarischen Zentrum zunächst um den Begriff „Loyalitäten“ und wie er das Leben der vier Figuren grundiert, die Delphine de Vigan in ihren literarischen Stationendrama zu Wort kommen lässt. Sie beschreibt sie als unsichtbare Verbindungen, die uns mit anderen verbinden, als leise gemachte Versprechungen, als still gehaltene Treue und auch als unlesbare Grundsätze, die an uns nagen und uns einschließen. Mit der FAZ Journalistin Lena Bopp, die den deutsch-französischen Abend moderiert und übersetzt, nimmt sie dann eine Anamnese der dunklen Seiten dieser loyalen Beziehungsgeflechte vor und warum ihre Figuren darin so gefangen sind. Sie wissen, dass es dem anderen nicht gut geht, sagt sie, und sie müssen ihn trotz seiner Fehler und seiner Schwächen in Schutz nehmen, auch wenn sie darunter leiden.

Die unsichtbaren Verbindungen, die die französische Schriftstellerin in ihrem Roman aus vier Perspektiven dechiffriert, betreffen vor allem den 12jährigen Theo. Die Eltern sind geschieden und seitdem nur noch mit sich selbst beschäftigt. Der arbeitslose Vater, der einsam depressiv vor sich hin gammelt, und die Mutter mit ihrer Wut auf ein Leben, das ihr so viele Enttäuschungen abverlangt. Bei Beiden spielt er die Rolle des fleißigen und fürsorglichen Sohnes, der nichts über ihren erbärmlichen Zustand preis gibt. Ihre Zumutungen und ihre Lieblosigkeit ertränkt er gemeinsam mit seinem Schulfreund Freund Mathis in Alkohol.

Mathis ist ein loyaler Freund, auch wenn er sich Sorgen um Théo macht und am liebsten seiner Mutter „Cécile“ davon erzählen würde. Die wiederum kämpft mit einem ganz anderen Loyalitätskonflikt, nachdem sie in ihrem gebildeten Ehemann auch den sexistischen, bösartig pöbelnden Blogger entdeckt und darüber schweigt. Die entscheidende unsichtbare loyale Verbindung stellt die Autorin mit der Geschichte Hélènes her. Die Lehrerin ist von ihrem Vater misshandelt worden und hat darüber auch nie ein Wort verloren. Nun glaubt sie, in Theo diese vertrauten verräterischen Zeichen zu spüren, um für ihn rebellieren und zu kämpfen.

Es sind vier Geschichten von Kompromissen, Beschwichtigungen, Stillhalteabkommen, die Delphine de Vigan miteinander in Beziehung setzt, auch wenn die Perspektiven auf die Ereignisse und die Erinnerungen ständig wechseln. In jedem Romankapitel kommt immer nur eine Stimme mit ihrer verschwiegen Gedankenwelt zu Wort. Christoph Türkey vom Ensemble des Deutschen Theaters liest drei Sequenzen aus diesem Loyalitäten-Labyrinth, in dem es auch um die Ursachen für dieses zerstörerische Schweigen geht und besonders um die Schuldgefühle. Theo quälen sie seit der Scheidung seiner Eltern. Jetzt vertraut er nur noch auf diese „eine Wärmequelle, die er nicht zu beschreiben weiß, brennend, versengend und schmerzlich und tröstlich zugleich.“ Das Gefühl der Mitverantwortung verspürt auch Elise, wenn sie mit dem Doppelleben ihres Mannes konfrontiert wird und dann nicht weiter in das seltsame Verhalten ihres Sohnes vordringt. An Théos Lehrerin nagt die Erkenntnis, dass ihr Schüler weiß, was auch sie weiß über Verletzungen, für die es keine Worte gibt.

Sie habe zunächst Théo und Elaine im Blickgehabt, berichtet die französische Schriftstellerin und dass die Stimmen von Cécile und Mathes erst später hinzukamen, bei denen die Frage der Loyalität ebenfalls auf die Probe gestellt wird. Gleichwohl nennt sie als zentrales Motiv die Geschichte eines Jugendlichen, an dem sich der Zustand einer Gesellschaft spiegelt, und was es bedeutet, in dieser Gesellschaft zu leben. Kindheitstraumata hat Delphine de Vigan bereits in früheren Romanen thematisiert und dabei auch ihre eigene Biografie mit dem Selbstmord der Mutter und wie sie ihre Magersucht überwinden konnte. „Loyalitäten“ enthalte keine biografischen Motive, betont die Autorin, auch wenn sie selbst ein Scheidungskind gewesen sei. Beschäftigt habe sie die Frage, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft zu leben.

Zwischen den Erwachsenen, die sich mit der emotionalen Verwahrlosung in ihren Beziehungen arrangieren und die Leerstellen nur noch heimlich beklagen, diagnostiziert ihr Roman noch eine viel schmerzhaftere Verweigerung der Verhältnisse. Von Théos Sehnsucht nach Fürsorge und Verständnis oder einem vertrauten Halt bleibt nur noch der stumme Schrei in einem Klima der Gleichgültigkeit, wo nicht einmal mehr auf das Funktionieren familiärer Zwänge und Verbindlichkeiten Verlass ist. Auch bei der Lesung im literarischen Zentrum wird daraus ein schmerzhaft lauter Schrei gegen das zerstörerische Schweigen.

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