Jacobikirche

„Friede auf Erden“

Im Jahr 2018 mussten wir in Göttingen bis zum 18. November warten, um einen solchen Abend erleben zu können: Stefan Kordes hat zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren in die St. Jacobikirche eingeladen und mit dem Kammerchor St. Jacobi, der Kantorei St. Jacobi, Solisten und der Jenaer Philharmonie ein Programm präsentiert, das an Intensität kaum zu überbieten war und zu den emotionalsten und wichtigsten Konzerterlebnissen des Jahres gehört.

Zur Eröffnung erklang von Arnold Schönberg „Friede auf Erden“. In der a-cappella-Fassung hatte der Kammerchor St. Jacobi das Stück bereits am Reformationstag aufgeführt, an diesem Nachmittag erklang es in der von Schönberg selbst arrangierten Fassung mit Orchesterbegleitung. Der Kammerchor wirkte hoch konzentriert und bestens vorbereitet. Der Ausruf gleich zu Beginn „Friede, Friede! Auf der Erde!“ aus dem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer ging unter die Haut. Die hoch komplexen Harmonierückungen und Vorhalte in der Musik erklangen wie selbstverständlich, so dass diese Musik noch intensiver wirken konnte.

Die Qualität des größten Konzertorchesters Thüringens, der Jenaer Philharmonie, zeigte sich vor allem im zweiten Werk des Abends: die 1. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch hatte der Komponist als 19jähriger nach dem ersten Weltkrieg im Jahr 1926 veröffentlicht. Wer die späteren Sinfonien des russischen Komponisten kennt, kann schon in diesem frühen Werk viel von seiner typischen Musiksprache erkennen: zahlreiche geistreiche Einfälle in den Themen und der Instrumentation. Es erklingt wenig Pathos (erst im Finale), dafür viel Kammermusik. Das ist auch der Grund, weshalb Kordes genau dieses Stück für das Gedenkkonzert ausgewählt hat, wie dem sehr informativen Programmheft zu entnehmen ist. Besonders eindrucksvoll waren einige Stellen im Schlagwerk: dumpfe Schläge der Großen Trommel und gewaltige, schicksalhafte Paukenschläge ließen die Zuhörer angesichts des Themas dieses Abends erschaudern. Die beiden Stücke korrespondierten aufs Beste, ergänzten und kommentierten einander. Die Musikerinnen und Musiker folgten der Interpretation von Stefan Kordes bis ins Detail und bestätigten ihren exzellenten Ruf.

Der große Chor von Stefan Kordes, die Kantorei St. Jacobi, kam erst beim letzten Werk des Abends zum Einsatz, bei dem „In terra pax“ von Frank Martin. Der Schweizer erhielt im Jahr 1944 den Kompositionsauftrag für diese Werk, das am Tag der deutschen Kapitulation weltweit im Rundfunk zur Uraufführung kommen sollte. Das geschah auch, am 7. Mai 1945, am Tag der Unterzeichnung der deutschen Kapitulation in Reims. Martin wählte für diesen Anlass Bibelverse aus Jesaja, den Psalmen, den Evangelien und der Offenbarung des Johannes.

Die Vertonung für den Chor ist in einem eher schlichten Stil komponiert: Martin hat den Schwerpunkt auf den Text gelegt, der dadurch eine sehr direkte Wirkung erzielt. Stefan Kordes schreibt dazu im Vorwort: „Dabei schafft er eine so tröstende Atmosphäre, dass es mir beim Hören jedes Mal wieder schwerfällt, Fassung zu bewahren.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen - seine Kantorei entfalteten ihren Part mit großem Ausdruck.

Die Gesangssolisten haben in diesem ca. 45minütigen Oratorium eine dramatische und erzählende Funktion. Und die Besetzung war nicht nur hochkarätig, sondern geradezu eine Idealbesetzung: Anna Dennis (Sopran), Nicole Pieper (Alt), Musa Nkuna (Tenor), Andreas Scheibner und Christian Neoftistos (Bariton) gestalteten ihre Partien als Ensemble und auch solistisch hoch emotional und künstlerisch perfekt. Sie hatten keinerlei Mühe, sich bei dem groß besetzten Orchester durchzusetzen.

Frank Martin wusste schon bei der Komposition, dass die Sehnsucht nach Frieden in der Welt nicht an dem Tag der deutschen Kapitulation enden würde. „Aber dieser Mangel konnte nicht an dem Versuch hindern, den Übergang von tiefster Verzweiflung zur Hoffnung auf eine leuchtendere Zukunft auszudrücken.“

Stefan Kordes ist es bei der Programmgestaltung, aber auch in der Umsetzung als Dirigent des Abends gelungen, diese Hoffnung auszudrücken und hörbar zu machen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer in der ausverkauften Jacobikirche haben einen Abend erlebt, der tief berührt hat. Der anhaltende und dankbare Applaus am Ende konnte dies nur sehr unzureichend wiedergeben. Das konnte schon eher die große Glocke der Jacobikirche, die das hoffnungsvolle D-Dur am Ende des Stückes übernahm und dafür sorgte, dass vor dem Schlussapplaus eine lange, gespannte Stille den Kirchenraum erfüllte.

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