Jazz-Festival

Das Saxofon spuckte befremdliche Töne in alle Richtungen. Auch eine Folge von Dissonanzen erinnert der Besucher eines New Yorker Jazz Clubs bei seiner ersten Begegnung mit dem Free Jazz und wie sie auf seine Hörnerven einprügelten. Die Freunde hätten ihn gewarnt, heißt es in der Erzählung von Friedrich Christian Delius „Die Zukunft der Schönheit“. Der junge Dichter, der am Abend vor seinem Abflug in ein Konzert mit dem Saxofonisten Albert Ayler geraten war, hätte seine Ohren lieber von dessen „Getöse, Gezirpe, Gehämmer und Gejaule“ verschlossen gehalten. Doch er traut sich nicht, vor diesem „Schallüberfall“, wie er ihn erlebt hatte, zu flüchten. Umso mehr spürt er seiner Verunsicherung nach und seiner Hilflosigkeit vor einer Musik, die auf harmonisierende Kompromisse und Regeln einzuprügeln schien und in ihm einen assoziativen und reflexiven Aufruhr anrichtete.

Bei seiner Lesung im Literarischen Zentrum lässt Delius musikalische und biografische Erinnerungsschichten kollidieren. Seine erste Begegnung mit dem Free Jazz liegt jetzt mehr als 50 Jahre zurück. Doch bereits in den Momentaufnahmen aus „Slug’s Saloon“ rumoren bereits die Flashbacks eines Teenagers aus geordnet autoritären Verhältnissen, der nie lautstark zu protestieren vermochte. Er sollte sich seine ersten Freiräume lyrisch erkämpfen und bei einem Gedichtwettbewerb sogar öffentliche Anerkennung erfahren.

Während der Chronist bei Ayler etwas Unerhörtes erfährt, das weiter ging als die Jazz Avantgarde, zerfetzt das Saxofon nicht nur die vertrauten Tunes von „When the saints go marching in“. Delius wirft einen nachdenklichen Blick auf den jungen Autor, den bislang beim nächtlichen Schreiben Mozart, Beethoven oder Jazz aus dem Radio begleitet hatten und wie er nun in der schneidenden, explosiven und paukenden Klangwildnis auch einen flehenden Ton vernahm.

Dieser flehende und gleichwohl störrisch widerspenstige Ton, klingt bereits zum Auftakt der musikalisch literarischen Begegnung zum Jazzfestival an. Mit einem Saxofonsolo von Ove Volkquartz, der die sentimental moods der „Summertime“ Melodie auch harmonisch aufraut. Auch die pastorale Hymne „Oh, when the saints go marching in” erfährt eine belebende Attacke auf das melodische Gefüge, das Delius in dem New Yorker Club so unmittelbar und noch viel radikal erlebt hatte.

Im Gespräch mit dem Germanisten Gerhard Kaiser beschreibt Delius das Zusammenwirken von musikalischen und biografischen Flashbacks und wie sie den dramatischen Bogen für seine Erzählung bilden. Die wild austreibenden Stimmen, die dem Konzertbesucher assoziativ inspirierend zusetzen, verhaken sich schließlich mit den Erinnerungsspuren über eine heftige Debatte mit seinem Vater. Zwischen den beiden Ereignissen sondiert Delius weitere Zeitstimmungen und ihre Bedeutungsebenen, wenn er bei Aylers Synkopengewitter seine Gedanken laufen lässt. Daraus destilliert er nicht nur das Bild des jungen Autors, der sich bei dem Treffen wortmächtiger Literatenrunde noch als Außenseiter erlebt, sondern immer wieder auch das des schüchternen Teenagers und seiner unscheinbaren Gestalt, der um Worte für seine Gedanken rang.

Es ist ein sehr komplexes Feld, das Delius und Kaiser an diesem Abend durchstreifen, gerade wenn es um die literarischen Nachwirkungen dieses New Yorker Schallüberfalls geht. Wo der Germanist den Jazz als Medium der Grenzüberschreitung anspricht, betont der Schriftsteller die Intensität von Erlebnissen, die in der Musik ebenso möglich sind wie in einem Text oder einem Gedicht und dass Literatur Augenblicke anhalten, vertiefen und erweitern kann. Er habe etwas Jazzartiges schreiben wollen, berichtet Delius und dass er in Albert Ayler einem Zersetzungskünstler begegnet sei, dem er sich mehr und mehr verwandt gefühlt habe, weil im Zersetzen und Zerstören von Strukturen auch die Chance liege, dass sich daraus etwas Neues entwickelt.

Der Schriftsteller wurde dabei genauso wenig zum Free Jazz Enthusiasten, wie damals nach dem New Yorker Konzerterlebnis. Aber das Credo seiner Erzählung und auch der Titel „Die Zukunft der Schönheit“ liegt in Albert Aylers musikalischem Aufruhr mit seinen assoziativen Energien. „Schönheit sei auch eine Folge des Zersetzens“ erklärt der Chronist einer biografischen Spurensuche, der dabei die harmonischen Motive in einem dissonanten Kapitel seiner Familiengeschichte entdeckte. Im Literarischen Zentrum bleibt es natürlich bei einer Andeutung über das nächtliche Gespräch mit seinem Vater und was Delius bei dem Getröte, Gezirpe, Gehämmer und Gejaule später noch alles vernahm.

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