Nikolausberg

„Geheimnisse kommen aus dem Dunkeln“, sagte Adrian Rovatkay vor Beginn des Konzertes in der Nikolausberger Klosterkirche. Während des Konzertes wandelte der Musiker und bildende Künstler Rovatkay Klänge in Bilder um, die live entstanden und im Großformat in der Kirche projiziert wurden. Vor der Leinwand musizierte das Barockensemble la festa musicale die Mysteriensonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber. In diesen Sonaten für Violine und Bassinstrumente geht es um die Geheimnisse des Rosenkranzes.

2018 11 09 la festa musicale1Diese 15 Sonaten nehmen in der Violin-Literatur eine ganz eigene Stellung ein – und sind für Barockgeiger eine große Herausforderung. Für jede Sonate muss das Instrument umgestimmt werden. Biber nutzte die unterschiedlichen Stimmungen („Skordaturen“), um die 15 Geheimnisse des Rosenkranzes klanglich darzustellen. Aufgeteilt in drei Gruppen erklingt der „freudenreiche Rosenkranz“ („gaudii mysteria)“, der „schmerzensreiche Rosenkranz“ („doloris mysteria“) und der „glorreiche Rosenkranz“ („gloriae mysteria“).

Biber hat nicht nur mit der ungewöhnlichen Stimmung der Saiten viel Symbolik einkomponiert, zum Beispiel werden in der Sonate XI „Auferstehung“ die Saiten sogar über Kreuz gespannt. Auch in den Kompositionen stecken zahlreiche Symbole: so eröffnet eine Intrada die Sonata XII zur „Himmelfahrt Christi“, indem aufwärts führende Läufe in allen Stimmen auch symbolisch die Bewegung nach oben vollführen.

Vor allem die Violinistinnen Anna Marie Harer, Iris Maron, Henriette Otto und Sophie Wedell sorgten für eine bis ins Detail perfekte Wiedergabe dieser Musik. Begleitet wurden sie von Christoph Harer (Barockcello), Dennis Götte (Theorbe) und Avinoam Shalev am Cembalo und an der Orgel. Für die einzelnen Blöcke der Sonaten wechselten die Musiker ihre Standorte: mal von links, mal von rechts, mal aus dem Hintergrund – bis zum Schluss in der Passacaglia eine Solovioline den Schutzengel hinter dem Vorhang spielte. Biber hat für jede der Sonaten einen Kupferstich in Form eines Medaillons zugeordnet. Und nach der 15. Sonate steht vor der abschließenden Passacaglia das Medaillon „Der Schutzengel“. Und diesen spielte Anne Marie Harer, Konzertmeisterin des Ensembles, entrückend schön und schlicht.

Der Rosenkranz wird in der evangelischen Klosterkirche in Nikolausberg nicht mehr häufig gebetet. Bei dem Konzert des Barockensembles la festa musicale stand die marianische Leben-Jesu-Meditation jedoch im Mittelpunkt, obwohl diese Musik gar nicht für kirchliche Aufführungen vorgesehen war. Wohl aber zur „spirituellen Erbauung“, wie Iris Maron im Programmheft schreibt. Und genau das ist gelungen – nicht zuletzt durch das hohe musikalische Niveau der Musikerinnen und Musiker. Aber eben auch durch die Bilder und die Verortung an verschiedenen Stationen in der Kirche.

Diese Effekte sowie die Malerei von Rovatkay gehörten zur Dramaturgie, die Aurelia Eggers für dieses Konzert erdacht hatte. So ergab sich ein Gesamtkunstwerk, das einen tiefen Eindruck auf die Besucher in der gut gefüllten Klosterkirche gemacht hat. Erst nach einer längeren Pause nach den letzten Tönen des Schutzengels setzte der Applaus ein. Die Konzertbesucher bedankten sich mit ihrem langen Beifall für einen überaus inspirierenden, ungewöhnlichen und begeisternden Abend.

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