Stadthalle

Als der „wohl traurigste Komiker der Welt“ wird Nico Semsrott vor seinen Auftritten beworben. Mit Kapuzenpulli und gesenktem Blick steht dieser auf der Bühne ganz allein da, und sinniert über die Welt aus der Sicht eines Pessimisten. In der Rolle des Demotivationstrainers gibt er sich die Möglichkeit, eine ganze Reihe gesellschaftspolitischer Themen satirisch aufzubereiten. Teile zu AfD und Flüchtlingskrise werden dabei pflichtschuldig abgearbeitet und stoßen mit ihren links-liberalen Perspektiven im traditionsgemäß linken Göttingen auf viel Zustimmung. Aber auch darüber hinaus decken die Themen die politische Agenda ihrer Figur ab, zum Beispiel in einem Bit über die staatliche Drogenpolitik und die Chancen einer Legalisierung von Cannabis. Insbesondere die Tagespolitik wird immer wieder besprochen. Aus seiner Rolle heraus ergeben sich dann immer wieder ähnliche Strickmuster für die Gags, bei denen zumeist Semsrott selbst Ziel des Humors wird. Das unterscheidet ihn auf angenehme Weise von vielen seiner Kollegen.

Abseits dessen sind es an diesem Abend vor allem jene Momente, in denen Semsrott aus seiner Figur herausfällt, die für besonders ausgelassene Stimmung sorgen. In einer Wette mit sich selbst hat dieser ausgemacht, für jeden Lacher, der ihm herausrutscht, fünf Euro für einen guten Zweck zu spenden - der Adressat an diesem Abend soll die junge Union sein. In einem Bit über seine Erfolglosigkeit auf der Partnerbörse Parship fragt sich Semsrott, ob er vielleicht einfach der einzige auf der Plattform sei. Nach dem lautstarken Zwischenruf eines Zuschauers, der nahe legt, dass er auch der letzte dort sein könnte, fällt Semsrott für Minuten aus seiner Rolle heraus und beginnt mit dem Publikum zu improvisieren. Die Pointe des Zuschauers schreibt er sich auf. In diesen transparent gemachten Momenten des Humors und seiner kreativen Zusammensetzung bekommt der Abend eine ganz neue Qualität.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde Programm gibt es eine fünfzehnminütige Pause. Im Vorfeld wirbt Semsrott um Unterschriften für eine Aktion von Die Partei, für die Semsrott unter anderem für einen Sitz im Europaparlament 2019 kandidiert. „Wenn die Politik Satire macht, muss die Satire mehr Politik machen“ erklärt er früher an diesem Abend. Neben der Unterschriftensammlung ruft Semsrott zur Unterstützung eines Crowdfunding-Projekts für eine Webserie auf, die sich aus humorvoll-journalistischer Perspektive politischen Themen widmen soll. Darüber hinaus können die Zuschauer Unglückskekse und Kalender des Scheiterns kaufen. In dieser Pause bekommt der Auftritt von Semsrott die Anmutung einer Verkaufsveranstaltung. Dass dessen oft kritischen Töne zum gegenwärtigen, wirtschaftlichen Neoliberalismus und sein eigenes Merchandise hier so nahe beieinander liegen, greift einen Widerspruch auf, den Semsrott im letzten Teil seines Auftritts selbst aufgreift. Von der Kapitalismuskritik leben zu können, sei demnach nur eine Facette der unglaublichen Widersprüchlichkeit der Welt, und nicht zuletzt seiner eigenen, inneren Widersprüche.

In der Auseinandersetzung mit den menschlichen Paradoxien gelangt Semsrott zu einem ganz neuen Ausdruck. Der Pessimismus der Figur, die Figur selbst, wird über den Abend Stück für Stück abgelegt. Das äußert sich nicht nur in den unzähligen Malen, in denen er sein ernstes Gesicht nicht beibehalten kann, sondern auch in seinen letzten Bemerkungen – und hier verbindet sie die Distanzierung von seiner Figur auch mit der Kritik am Neoliberalismus. In der Erfolgsgesellschaft sei das Scheitern nicht erlaubt, es werde verdrängt und verheimlicht, um das Image des Erfolgreichen aufrecht zu erhalten, deswegen sei es ihm ein Anliegen, sich mit seinen Geschichten des Scheiterns einem Publikum auszusetzen. Das Scheitern müsse normalisiert werden. Wie viel des Scheiterns nun Nico Semsrott ist und wie viel der „wohl traurigste Komiker der Welt“ bleibt offen. Zweiterer scheint sich aber immer weiter aufzulösen, um den Menschen dahinter sichtbar zu machen. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er die Kapuze irgendwann nicht mehr braucht.

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