Galerie Alte Feuerwache

Ich war Schneewittchens Stiefmutter

In den Märchen der Brüder Grimm meint es das Schicksal mit den alten Frauen nur selten gut. Den Part der bösen Hexe dürfen sie gern übernehmen oder wie Schneewittchens Stiefmutter so richtig schön neidisch und verbittert wüten. Dass sie auch eine Vorgeschichte haben wie die märchenhaften Schönheiten, denen dann die Märchenprinzen zu Füßen lagen, steht auf einem anderen Blatt. Und so blättert Sabine Wackernagel bei ihrem märchenhaften Abend in der Galerie Alte Feuerwache jetzt einfach mal zurück. Es gab eben auch mal eine Zeit, verkündet die Schauspielerin, die sich ihrem Publikum zunächst als kämpferisch böse Stiefmutter präsentiert, da sei sie nicht nur jung und hübsch sondern auch klug gewesen.

Das Märchenbuch mit dem edlen Einband wird sie bald wieder aus der Hand legen und nur gelegentlich nach dem roten Fächer greifen, wenn es für ihre Märchenfrauen mal wieder an der Zeit ist, aus ihrer Geschichte auszubrechen und diese vielen romantischen Bilder anders einzufärben. Schon fragt sich ihre „kluge Else“, wer sie eigentlich sei, wenn sie jetzt ihr Bündel schnürt, dem ach so soliden Leben mit Mann und Kind, Haus und Hof den Rücken kehrt, um lieber die große weite Welt zu entdecken.

Sabine Wackernagels kluge Else macht viele Verwandlungen durch, wenn sie nun ihren Schicksalsgefährtinnen begegnet. Ihr zur Seite steht Hartmut Schmidt als musikalischer Reisegefährte mit seinem Akkordeon. Das flüstert, beschwört, säuselt und brummelt, um dann erneut in verträumte Melodien auszuschwärmen oder in die dunklen Regionen der Grimmschen Märchenwelt. Die Grete, die sich als Wäscherin, die sich als Wäscherin bei einem alten Hagestolz verdingt, wird nun ein bisschen hinterlistig, nachdem sie das abendliche Menü für den Gast des Hausherrn einfach vernascht hat. Umso mehr staunt dann die flüchtige Reisende, die nach einem Schlangenbiss die Sprache der Tiere versteht und in der Geschichte von Herrn Korbes auch auf ziemlich Alltagsgegenstände und ihr Eigenleben trifft. Dem faulen Hans, der sich als ziemlich brutaler Zeitgenosse erweist, zeigt sie bald die rote Karte. Doch selbst die Gestalt, die sich durch eine Landschaft mit lärmenden Fischen und Honiggewässern träumt, fragt sich, wer sie eigentlich sei.

Wackernagels Märchenfrauen vertrauen zunächst vor allem auf ihre hausfraulichen Tugenden. Sie wissen, dass sie unermüdlich ackern und rackern können, auch wenn kein Traumprinz in Sicht ist. Doch dann macht ihnen die Schauspielerin mit ihrem Aschenbrödel einen Strich durch die fleißige Rechnung. Das findet den märchenhaften König Drosselbart hässlich und dick wie ein Weinfass und Hans im Glück einfach ziemlich dämlich, um einen weiteren Bewerber mit ein bisschen Hexenzauber auszutricksen und dann in Dornröschens Märchenschloss zu schlummern.

Für Schneewittchens Schwiegermutter sieht die Welt leider nicht mehr so rosig aus, jetzt wo sie in die Jahre gekommen ist und trotz liebenswertem Gefährten nicht mehr mit den unschuldigen Schönen und der ewig fleißigen klugen Else konkurrieren kann. Aus ihr brechen vor allem Wut und Schmerz heraus und dann auch das Entsetzen, was da anders als früher im Innern alles an Bosheiten und mörderischen Gedanken lauert. Doch es bleibt nicht bei dem Bild der bösen Furie, die sich jetzt zu den zahnlosen runzeligen Hexenschwestern gesellen könnte, denen Jakob und Wilhelm Grimm ja stets nur ein böses Ende gönnten. Schneewittchens böse Schwiegermutter fügt sich nicht in ihr Schicksal. Sabine Wackernagel gönnt ihr den Eigensinn, den manche ihrer fügsamen Märchenschwestern vermissen lassen. Jetzt tritt sie als Frau Holle auf den Plan und das keineswegs mütterlich fürsorglich, als ob sich das im reiferen Alter so gehört. Die lässt den Schnee auch gern mal frostig und ungemütlich rieseln und sich wieder vom Klang des Akkordeons bestürmen. Nach der Begegnung mit all den couragierten und verträumten Märchenfrauen hat Sabine Wackernagel noch eine weitere märchenhafte Überraschung im Sinn: die Gestalt, die sich jetzt beim Bettenschütteln noch mal gehörig Luft macht, verwandelt sich einfach im Rumpelstilzchen und kann jetzt endlich vergnüglich rumpeln und poltern. Mit ihr freut sich die Schauspielerin und ein vergnügtes Publikum, das von Schneewittchens Stiefmutter und ihren Märchenschwestern so schön nachdenklich bezaubert wurde.

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