Altes Rathaus

Verwerfungen

Politische Reflektionen prägen weiterhin die Arbeiten von Erhart Schröter. Schon in den vergangenen Jahren hat er immer wieder malerisch Stellung zu den globalen Kriegs- und Krisenszenarien genommen. In diesem Sinne versteht auch die künstlerisch reflexive Bilanz, die jetzt in einer Ausstellung im Alten Rathaus zum Ausdruck kommt. Sie hat den Titel „Verwerfungen“ bekommen, der vor allem auf Schröters aktuelles Projekt verweist. Es sind Aufnahmen von Strandgut an der griechischen Küste, die der Künstler malerisch verfremdet hat. Vielfach handelt es sich um die Überreste von Fluchtgepäck. Auch metallene Spuren der Katastrophen, die das Mittelmeer zu einem Massengrab haben werden lassen, konfrontiert Schroeter hier mit Farbenergien, die sich wie Zeitspuren auf die Objekte legen. Er bricht ihre Form auf und dringt so in die tiefen Schichten ihrer immateriellen Bedeutung vor und in die Erinnerungsräume, mit denen ihre Vorbesitzer dann in einem Niemandsland strandeten. 

In dieser Werkschau mit Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren finden sich viele Anknüpfungspunkte an das Thema „Verwerfungen“, bei dem es um das Freilegen von Bedeutungsschichten hinter Oberflächen, Hüllen und Fassaden geht. Gemeint ist damit oft auch die plakative Nachrichtenwelt, die spektakuläre Ereignisse und dramatische Szenarien abbildet und selten die Art weiter führender Spurensuche betreibt, wie sie Schröter auf der Leinwand imaginiert. Bei ihm verbindet sich der Anblick eines brennenden Schiffes auch mit der Vision eine Unterwasserwelt, in der sich zwischen den dunklen Blaustimmungen und Verfärbungen ständig neue Trümmerlandschaften ausbreiten, die anders von mörderischen Unruheherden und zerstörerischen Kräften erzählen. 

Eine weitere Serie großformatiger Arbeiten hat Schroeter mit dem Titel „accidents“ versehen. So zweideutig wie der englische Begriff, der sich sowohl auf Zufälle bezieht als auf Unfälle, lassen sich auch die Bildmotive lesen. Zwischen den Gestängen wild wuchernder Industriekulissen rumort der technologische Wahn mit seinen Maschinenparks und seiner Ressourcenverschwendung in der ständigen Beschleunigung von Lebens- und Arbeitsprozessen. Da kollidieren abstürzende Neubauten mit Brachflächen und Verkehrsströmen, ohne dass der Künstler dabei konkrete Schauplätze markiert. Sie werden schon in den austreibenden Farbenergien, die sich kreuzen, überlagern und aneinander reiben, assoziativ wahrnehmbar und spürbar.

In dieser Werkschau im Alten Rathaus, die der Fachdienst Kultur und der Verein des Künstlerhauses Erhart Schröter zu seinem 80. Geburtstag widmeten, kommt es auch zu kontemplativen Begegnungen. Etwa bei den malerischen Streifzügen des Künstlers durch die nordgriechische Landschaft der Insel Samothraki, wo er auch immer wieder antiken Mythen nachspürte, die in steinernem Geröll, Olivenhainen und hölzernen Verwerfungen nisten.
Schröter hat für jeden Ausstellungsraum einen thematischen Schwerpunkt gesetzt, den er mit stilistischen Kontrasten und unterschiedlichen Techniken verwebt. In seiner Galerie von „Einblicken“ sind es vor allem Fragmente, aus denen seine Skizzen, Zeichnungen und Collagen entstanden. Zeitschriftenbilder, Postkarten und auch Computerausdrucke kamen zum Einsatz, aber auch Stoffreste, deren besondere Materialität dann in den Arbeiten zum Ausdruck kommt. In einem weiteren Raum zeigt er Doppelbilder, bei denen er frühere Kompositionen miteinander in Beziehung setzt, mit ihnen neue Bildstrukturen entwickelt und weitere Sehperspektiven auslotet. Zwischen seinen „Seestücken“ mit ihren sonnigen Lichtstimmungen und Reflektionen und den sinnlich austreibenden Farbstudien widmet sich Schröter in einem weiteren Raum erneut den globalen Unruheherden. Die malerischen Nahaufnahmen vom „Tahirplatz“ und den bedrängten Menschenkörpern, die später als „Boatpeople“ eine gequälte Masse bilden, kontrastiert er mit dem Blick des distanzierten Beobachters, der Fluchtbewegungen auf dem „Airport Aleppo“ und dem „Sahara-Trail“ wie aus der Sicht eines Satelliten erfasst und so zum Nachdenken auffordert.

Der Kunsthistoriker Michael Stoeber beschreibt Erhart Schröter als Seismografen bei der Besichtigung der Gegenwart und der Introspektion der Vergangenheit. Wichtig und vorrangig sei dem Künstler, erklärt er zur Ausstellungseröffnung im Alten Rathaus, das ihn ein Thema berührt, aufwühlt und umtreibt, bevor er es künstlerisch bearbeitet. Diese berührenden und aufwühlenden Kräfte bekommt auch der Besucher zu spüren, sobald er sich in Schröters malerische Reflektionen und ihr emphatisches Credo vertieft.

 

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