Torhaus-Galerie

„Früher war alles viel größer“

Die Kunst Leena Krügers, vorallem jene im Kontext der aktuellen Ausstellung „Früher war alles viel größer“, gezeigt in der Torhaus-Galerie Göttingen vom 02. November bis 02 Dezember 2018, ist eine retrospektive. Retrospektiv jedoch nicht im Sinne des Überblicks über ihre Schaffensphasen oder gar des Gesamtwerks der Künstlerin, sondern als ein Erinnern längst vergangener Augenblicke ihres Lebens.

Ausgedrückt durch die abstrakte Formensprache und Farbgebung, wirkt vor allem ihre zu einem Tableau montierte Serie von 24 kleinformatigen Arbeiten wie ein Mosaik von Erinnerungsbruchstücken. Betrachtet man die Gedächtnisbilder eines jeden Menschen als kohärenten Filmstreifen, so zeigten die Werke der Künstlerin, jedes für sich, eine Momentaufnahme einer spezifischen Stelle ihres ganz persönlichen Erinnerungsfilms. Ein weiteres Beispiel für die beschriebene Programmatik konstituiert sich in einem dreigeteilten Werk, welches Eischollen zeigt. Der Titel „26.02.06“ verweist hier auf eine ganz bestimmte Erinnerung – eine Schiffsüberfahrt zusammen mit ihrem Mann, bei der das zerbrochene Eis auf der Wasseroberfläche trieb.

Leena Krüger teilt einen sehr intimen Teil von sich, mit jedem einzelnen Betrachter ihrer Kunst. Verbildlichte Erinnerungen, welche die meisten Menschen in sich eingeschlossen verwahren, verarbeitet sie mit Acryl auf Papier, Leinwand oder Aludibond, in meist kühlen Blau- und Grautönen und pastelligen Noten.

Formen wie Farben, die äußere Struktur und der oft geschichtete Farbauftrag spielen dabei unter anderem auf Erlebnisse und Erinnerungsbilder ihres Heimatlandes Finnland sowie die Verbindung zur Natur und Landschaftsmalerei an. Bunt oder sehr farbig sei für sie etwas Fremdes, sagt sie, „wahrscheinlich hat das etwas mit meiner Herkunft zu tun, weil ich eben aus einer Gegend stamme, wo die Farbigkeit oft auch sehr von Wasser und Eis geprägt ist.“ Und das werde man nicht so einfach los, auch wenn man es vielleicht versuche. Dieses unterbewusste Einwirken auf den Arbeitsprozess lasse sie dann einfach geschehen: „Ich versuche die Farben jetzt nicht einfach zu wechseln, sondern ich lasse zu, was kommt.“

Auch die musikalische Begleitung der Vernissage, wie auch die Einführungsrede, wurden als Rückblick auf ihr Leben gestaltet. Michael Schäfer – Vorsitzender der Göttinger Kammermusikgesellschaf – spielte auf Wunsch der Kunstmacherin aus dem Oeuvre des finnischen Komponisten Erkki Gustav Melartin. Dr. Manfred Koller versuchte in einer tieferen Auseinandersetzung das Wesen der Arbeit Krügers zu ergründen.

Das kleine Ausstellungshaus, mit einer ungefähren Kapazität von einhundert Personen war gänzlich gefüllt. Unter die Kenner, Sammler, Käufer und Bekannten, mischte sich die Göttinger Kunstszene – darunter auch Erhart Schröter, der nahezu parallel zu Leena Krüger seine Arbeiten im alten Rathaus Göttingen ausstellt.

Laut der Künstlerin sei die tiefere Bedeutung jedes einzelnen Stücks gleichzeitig auch auf die Kommunikation zwischen dem Werk und dem Betrachter angelegt und lasse einen selbstreflektiven wie interpretativen Moment entstehen, der einen individuellen Erinnerungsprozess auslöse.

„Lebensfragen spielen in der Kunst eine wichtige Rolle und in der Kunst fragt man ja auch eigentlich immer was; es ist ja nie eine fertige Antwort, sondern eher eine Frage.“

Ungefähr eine Stunde vor Beginn der Vernissage zu ihrer Ausstellung sitzt Leena Krüger inmitten ihrer Werke. In dem noch leeren Ausstellungssaal des kürzlich renovierten Backsteinhauses, erzählt sie aus ihrem Leben, über ihre Kunst und gibt dabei Einblicke hinter die Kulissen ihrer Arbeiten – das Interview dazu kann unterhalb dieses Beitrags gehört werden.

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