Stadtkantorei

Ausgesprochen britisch ging es in der St. Johanniskirche zu: die vereinten Chöre der Göttinger Stadtkantorei und des Cheltenham Bach Choirs konzertierten mit Ralph Vaughan Williams „Sea Symphony“. Die Leitung hatte der englische Dirigent David Crown, seit 2015 Chefdirigent des Cheltenham Bach Choirs.

Doch bevor es maritim wurde, standen zwei Orchesterwerke auf dem Programm: Die „Enigma-Variationen“ und „Land of Hope and Glory“ aus den Pomp and Circumstance-Märschen von Edward Elgar. David Crown leitete das bestens aufgelegte Göttinger Symphonie Orchester in der voll besetzten Kirche. Dabei ließ er den Orchestermusikern viel Freiraum zur Entfaltung. Diese Einladung nahm das Orchester mit der Konzertmeisterin Natalia Scholz gerne an. Ein Höhepunkt war das Cellosolo in der Variation XII mit Joanna Kielar-Zachlod. Mit ihrem Spiel traf sie mitten ins Herz der Zuhörer. Und diese Emotionen übernahm zunächst die ganze Cello-Gruppe, um das Thema dann behutsam an Igor Tulchinsky und die Bratschen-Gruppe zu übergeben. Dieses überaus feine Miteinander war im ganzen Orchester zu spüren. So wurde dieses Stück zu einem ersten Höhepunkt des Abends.
Der Marsch Nummer 1 aus den „Pomp and Circumstances“ gehört natürlich immer zu den Höhepunkten, nicht nur in der Prince Albert Hall in London. Bei dem berühmten Thema „Land of Hope and Glory“ summten einige Stimmen im Kirchenschiff mit, während die Choristen zum ersten Mal an diesem Abend ihren großen und sehr britischen Klang entfalteten.

Ralph Vaughan Williams ist einer der wichtigsten Vertreter der romantischen englischen Chortradition. Zahlreiche Chorkompositionen befinden sich im Repertoire nicht nur englischer Chöre. Seine 1. Sinfonie „A Sea Symphonie“ gehört dennoch nicht zu den Standardwerken, auch nicht in England. Das mag auch an dem großen Aufwand liegen, den eine Aufführung dieses Werkes bedeutet. Da ist der Besuch des Cheltenham Bach Choirs aus Göttingens Partnerstadt eine gute Gelegenheit. Seit über 30 Jahren besteht zwischen dem „CBC“ und der Stadtkantorei eine enge Freundschaft. Inzwischen ist es Tradition geworden, gemeinsam ein großes Werk aufzuführen – das der Gastdirigent dirigieren darf. Und an das Dirigat stellt die „Sea Symphonie“ durchaus große Anforderungen, die David Crown gut gemeistert hat. Sein Hauptverdienst aber war es, aus den beiden Chören einen Klangkörper zu gestalten – das ist ihm hervorragend gelungen. Gut vorbereitet waren die Stadtkantoristen von Bernd Eberhardt gewesen. Aber der große, britische Klang musste noch gemeinsam erarbeitet werden. Das Ergebnis konnte sich hören lassen. Kraftvoll, pathetisch, energisch und voller Emotionen – so lässt sich der erzielte Klang vielleicht beschreiben. Die Sängerinnen und Sänger benötigten viel Kraft, Energie und Konzentration. Und all das hielt die gesamte Symphonie an, die immerhin eine gute Stunde dauert.

In der Musik werden die unterschiedlichen Stimmungen des Meeres wiedergegeben. Textgrundlage ist ein Poem von Walt Whitman. Diese Stimmungen hat Vaughan Williams mit zahlreichen musikalischen Effekten garniert: man konnte die wogenden Wellen und die klatschende Gischt genauso hören wie die pfeifenden Winde. Die Musik veränderte ihre Tonsprache kaum, wohl aber die Dynamik. Neben den häufigen Forte-Passagen gab es auch einige innige, ruhigere Sequenzen.

Integraler Bestandteil der Partitur sind die Aufgaben der beiden Gesangssolisten: Nathalie de Montmollin (Sopran) und Hansung Yoo (Bariton) hatten ihre Plätze deshalb auch mitten im Orchester. Beide konnten ihre stimmliche Kraft, aber auch ihre Ausdrucksstärke einbringen und hatten keine Mühe, sich in den großen Klängen des Chores und des Orchesters durchzusetzen.

Wie gebannt lauschten die zahlreichen Zuhörer in der Johanniskirche dieser Musik. Dass Musik eine universale Sprache ist, die die Menschen verbindet, dass gemeinsames Musizieren die Völker verbindet, ist auch eine Botschaft dieses Abends: die politischen Wirren auf der britischen Insel spielten keine Rolle. Und diese Wirkung von Musik ist beim international besetzen GSO bei jedem Konzert zu spüren.

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