Literarisches Zentrum

Das Klischee vom konservativen katholischen Freifräulein auf einem provinziellen westfälischen Adelshof hält sich wacker. Annette von Droste-Hülshoff hätte dieses Bild vermutlich spöttisch kommentiert und ihre liebe Verwandtschaft ein weiteres Mal brüskiert. Dabei steht ihr Karen Duve nun ebenso frech, ironisch und nachdenklich zur Seite. Aufmüpfig und eigenwillig darf sie auch in dem literarisches Portrait der Schriftstellerin über eine Dichterin sein, die lieber diskutierte, dichtete und komponierte, anstatt die Rolle des braven Burgfräuleins zu spielen.

Im Literarischen Zentrum entstaubte Karen Duve das biedermeierliche Trugbild auch gern im Bündnis mit dem Göttinger Germanisten Heinrich Detering und mit Szenen aus ihrem Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“. Zunächst berichtet sie von einer zufälligen Entdeckung, als sie in einer literarischen Skizze aus dem 19. Jahrhundert auf dieses vermeintlich farblose Wesen und eine ebenso rätselhafte wie tragische Liebesgeschichte traf und von Annette Droste-Hülshoff zunehmend faszinierter war. Es ist ein schicksalhafter Sommer, der das Herzstück von Duves literarischem Portrait bildet, wenn sich auf dem Familienwohnsitz Bökersdorf die Intriganten und Neider zusammenrotten, die das eigenwillige Fräulein wieder in seine vorgeschriebene Rolle zwingen wollen.

Zunächst ist die Autorin allerdings im historischen Göttingen unterwegs. Mit Annettes Onkel August von Haxthausen und seinem bürgerlichen Freund Heinrich Straube flaniert sie durch eine wenig idyllische Kulisse mit überquellenden Abwassergräben, umtriebigen Krämerseelen und großmauligen Burschenschaftlern. Sie erzählt von studentischen Poetenzirkeln, den Begegnungen mit den Brüdern Grimm, dem Dichter Hoffmann von Fallersleben und weiteren literarischen Zeitgenossen, die auch auf dem Familienwohnsitz Bökersdorf gern gesehene Gäste waren. Dass der Roman über die Droste hinaus auch ein intellektuelles und politisches Zeitportrait geworden sei, wie Heinrich Detering anmerkt, begründet Duve mit den vielen spannenden Recherchen, der Fülle von Briefwechseln, Archivalien und wissenschaftlichen Studien. Sogar einen Studentenführer aus der Zeit um 1813 hatte sie für ihre historischen Nahaufnahmen zu Rate gezogen. Die studentischen Wohnverhältnisse mit den meist im 2. Stock gelegenen Zimmern lernt später auch Heinrich Heine kennen, den Duve bei Heinrich Straube im Papendiek 2 vorübergehend auf dem Sofa nächtigen lässt.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Dichterstimme des Freifräuleins bereits für Jahre verstummt. Das hatte den Dichterfreund ihres Onkels in seiner merkwürdig muffeligen Ausstattung mit den Worten begrüßt, dass er rieche wie ein nasser Hund. Sie habe sich dafür furchtbar geschämt, schreibt Duve und lässt ihre Annette von Droste-Hülshoff einen sanften und gütigen Zeitgenossen erleben, der ähnlich wie sie immer eine Außenseiterrolle einnehmen würde. Mit dem attraktiven August von Arnswaldt ist der Gegenspieler bald zur Stelle und sabotiert die drohende Mesalliance auch im Sinne der adligen Verwandtschaft, Die ebenso schüchterne wie wortmächtige Ruhestörerin in studentischen Männer- und Dichterkreisen lässt sich umwerben und wird umgehend verpetzt, damit der Skandal auch seine Kreise zieht.

Detering und Duve entstauben das biedermeierliche Portrait einer couragierten Frau auch mit Blick auf die Lebenskatastrophe, die das Leben von Annette Droste-Hülshoff in zwei Teile gehackt habe. Für sie begann eine Zeit der Selbstanklagen, bis sie wieder Gedichte schreiben konnte. In einem weiteren Lesekapitel wird auch Straubes Absturz beschrieben. Wie Annettes Onkel dem Dichterfreund die materielle Unterstützung entzieht und dem talentierten Germanisten ein Jurastudium aufzwingt. Es gibt jetzt keine weiteren Geselligkeiten mit dem westfälischen Landadel und seiner gerade angesagten Entourage mehr. Dort sieht auch Detering die witzig freche und etwas vorlaute Intellektuelle für den Rest ihres Lebens im Würgegriff und dass in Duves Liebesgeschichte, wo einer versucht, dem Freund die Freundin auszuspannen, sehr viel zusammenkomme: Über Männer-Frauenrollen, Klassengegensätze und an politischen Gegenbewegungen der Zeit.

Die Schriftstellerin liest zum Abschluss noch ein Göttinger Romankapitel aus „Fräulein nettes kurzem Sommer“ und flaniert nun mit dem unglücklichen Heinrich Straube durch die Nacht bis nach Geismar und tief hinein in den Stadtwald. Auf einem dieser kummervollen Streifzüge lässt sie ihn auf Heinrich Heine treffen, der dem Jurastudium ebenfalls wenig abgewinnen kann. Sie erzählt, wie sich die Beiden am frühen Morgen durch den Viehauftrieb auf der Hauptstraße vorbei an Schafherden, Ziegen und Schweinen ihren Weg in den Papendiek erkämpfen. Dem Dichter der Harzreise widmet sie den Gedanken, „Ich weiß nicht, wie Menschen, die nicht schreiben, das alles ertragen“, der für Detering auch von Annette von Droste-Hülshoff stammen könnte. Für die Dichterin und ihre Chronistin hat der Göttinger Germanist nach der Lesung auch eine besondere Widmung im Sinn. Dass das Leben von Annette von Droste-Hülshoff eine Geschichte sei, die eigentlich kaum auszuhalten ist. Es sei denn, dass jemand wie Karen Duve so darüber schreibt.

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