Deutsches Theater

Shows verkaufen sich nun mal besser als ernüchternde Bilanzen. Dann lockt noch der Promifaktor und schon wird eine Anliegerversammlung zum Event. Die spekulativen Geschäfte der Göttinger Union laufen schon längst nicht mehr gewinnbringend. Umso wichtiger sind jetzt die Statements von Fußballikonen, Politikern und großzügig auftretenden Mäzenen, die Imagepflege für den maroden Finanzkonzern betreiben. Und wenn Firmengründer Harry Cornelius (Roman Majewski) und Finanzvorstand Volker Roggensack (Marco Matthes) dazu noch verkünden, dass man an die Zahlen glauben müsse, kann eigentlich keine Rede mehr sein von Schneeballsystemen, grauen Märkten und drohender Insolvenz. Punktgenau werden erneut Beifallsstürme eingeblendet, und Moderatorin Angie (Christina Jung) kann den nächsten Überraschungsgast anstrahlen.

Ein dokumentarisches Szenario über die Göttinger Gruppe, die ihre Anleger mit einem Kombiprodukt aus Steuerersparnis und attraktiver Alterssicherung in die Falle lockte, würde vermutlich sogar die Dimensionen einer Realsatire sprengen. Da wurde noch gepokert, getrickst und getürkt, als die Alarmglocken bereits kräftig läuteten, und trotzdem wollten Finanzbehörden und Aufsichtsgremien einfach keinen Handlungsbedarf erkennen lassen. Die Faktenlage stellt sich ungeheuer komplex dar und gleichzeitig so unglaublich. Vermutlich musste sie deshalb in der Szenenfolge des Schweizer Dramatikers Lukas Linder zur Farce mutieren. Die böse Ironie lauert bereits im Titel seines Stückes „Die melancholische Seite meines Steuerberaters“. Drei mäßig begabte und vom Alltag frustrierte Jungkarrieristen machen sich ans Werk, um ihre Kundschaft lukrativ zu plündern und spekulieren mit dem passenden Marketing. Steuern sparen möchte schließlich jeder, gerade weil sich der Staat ausgiebig am Unternehmerfleiß bedient. Und wenn dabei ein paar Altersreserven heraus springen, umso besser. Mögliche Bedenken kann so ein smarter Verkäufers wie Artur Pellegrini (Florian Donath) mit seinem treuherzigen Blick dann auch fast immer ausräumen.

In der Inszenierung von Erich Sidler bildet die mediale Erfolgsstrategie den Rahmen für Lukas Linders Szenenfolge. Das gilt auch für den Blick hinter die Kulissen der Göttinger Union zwischen den Promi-Statements und den Werbejingles, in denen die Anleger ganz auf Sicherheit und lokale Bodenhaftung setzen und so die Renditebotschaft überzeugend verbreiten.
Auf die zünftigen Handwerker (Christoph Türkey), die noch solide Würste produzieren und etwas von Wohnkultur in Massivholz verstehen, ist Verlass. Auch auf die überqualifizierte Akademikerin (Gaby Dey) und auf den Oberstudienrat (Gabriel von Berlepsch) nebst Gattin (Angelika Fornell), wie sie jetzt in kleine Talkshows verwickelt werden und sich ironisch überzeichnet outen.
Die nächste Runde geht wieder an die Finanzjongleure, bei denen nach der zähen Gründerphase nicht nur der Wohlstand wächst, sondern auch die Gier nach Luxus. Schon bald betreibet die Chefetage trotz gelegentlicher Panikanfälle nur noch Selbstbedienung mit dem schwinden Kapital der Anteilseigner, die am Ende für die Verluste auch noch haftbar gemacht werden.

Für die bitterböse Farce, die sich hier zusammenbraut, hat Bühnenbildner Gregor Müller die Konzernetage mit zwei riesigen Wänden ausgestattet, in den Unmengen von Aktenordnern eine Palisade bilden. Sie erinnern auch an die Prozessakten und die vielen Gerichtsverfahren, in denen die Anteilseigner nach der Insolvenz der Göttinger Gruppe scheiterten. Dort stranden auch die Proteststimmen von Handwerkern, Kleinunternehmern und Pensionären, die in der Armutsfalle gelandet sind, während das musikalische Trio am Bühnenrand mit Jazz-Sound die Stimmung wieder auf Showformat trimmt.
Benjamin Weidekamp, Philip Zoubek und Michael Frei lassen keine Chance aus, diese kapitale Performance mit Klarinette und Bassklarinette, Keyboard, Synthesizer, Gitarre und Bass subversiv kreativ zu kommentieren. Besonders schöne fiese Töne finden sie für den Auftritt von Gertrude Renzi von Schwan, wenn Angelika Fornell als leidenschaftlich betroffene Mäzenin für die geschundene Tier- und Pflanzenwelt im Rollstuhl posiert und ganz stolz verkündet, wie gern sie notleidende Eichhörnchen mit 100 Euro Scheinen füttert.
Nach denen sehnt sich bald auch Firmengründer Harry Cornelius, nachdem
er des Feldes verwiesen wurde und in luftiger Höhe in einem Boot von dannen schwebt. Sein tragisches Schicksal kann nur noch mit einer satirischen Fassung eines Heine-Gedichtes besingen „Ich weiß nicht warum ich so pleite bin“.
Denn jetzt schlägt die Stunde des Kommunalpolitikers Hermes Rechtspaten (Paul Wennig), der sich seinen medienwirksamen Enthusiasmus für die Göttinger Union in populistischen Appellen auch souverän empören kann.
Dass die alte deutsche Wertegemeinschaft endlich wieder das Sagen haben muss, die auf heimatliche Traditionen vertraut und auf die kleinen Leute, die brav ihre Steuern zahlen, anstatt auf das Rentenniveau zu schauen.
Mit diesem bösen Nachspiel endet der Showdown über die Göttinger Gruppe, deren Modell auf dem Kapitalmarkt viele kreative Nachahmer fand, bei denen die Aufsichtsbehörden ebenso versagten wie die Politik.The Show will go on, auch das signalisiert Erich Sidlers Inszenierung mit Blick auf die ökonomischen Verteilungskämpfe und ein Wirtschaftssystem, das die kapitalen Abzocker auch weiterhin bestärkt. Es ist ein finsteres Panoptikum, das sich auf der Bühne entfaltet, so grotesk und so zum fürchten, wie es eine Farce vermag, die die realsatirischen Verhältnisse noch ein bisschen zuspitzt.

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