Nikolaikirche

Die „Petite messe solennelle“ von Gioacchino Rossini ist neben dem „Stabat mater“ das zweite große kirchenmusikalische Werk des italienischen Opernkomponisten. Aber im Gegensatz zu Verdis „Requiem“ oder Puccinis „Missa di Gloria“ ist hier keine „Kirchenoper“ entstanden, sondern ein ganz eigenes Werk, das Andreas Jedamzik mit seinem Göttinger Vokalensemble (GVE) zur Aufführung brachte.

Jedamzik hatte sich für die sehr viel intimere Originalfassung für kleinen Chor, Solisten, Harmonium und Klavier entschieden. Die von Rossini selbst orchestrierte Fassung wird mindestens ebenso häufig aufgeführt. Aber gerade in der Originalfassung sind die Feinheiten der Komposition viel besser hörbar.

Das war in der vollbesetzten Nikolaikirche schon gleich zu Beginn spürbar: im „Kyrie“ zeigte das Göttinger Vokalensemble höchste Piano- und Pianissimokunst. Der Chor ging an die Grenzen der Darstellbarkeit – und das hatte eine großartige Wirkung: es wurde ein Spannungsbogen gezogen, der bis zum Ende des Stückes 90 Minuten später anhielt.

Außerdem eröffnete es der Pianistin Julia Bartha alle Möglichkeiten der Gestaltung: sie konnte stets zurückhaltend die Feinheiten der Komposition herausarbeiten und hatte es nicht nötig, sich in den Vordergrund zu spielen. So ergab sich ein harmonischer Klang zwischen ihrem Klavierspiel, dem von Christopher Weik gespielten Harmonium und den Gesangsstimmen.

Da passten sich die vier Solisten hervorragend ein: Juliane Demmert (Sopran), Ann Juliette Schindewolf (Alt), Manuel König (Tenor) und Jürgen Orelly (Bass). Von den vieren sind Manuel König mit dem „Domine Deus“ und die sehr kurzfristig für die erkrankte Nicole Pieper eingesprungene Ann Juliette Schindewolff im „Agnus Dei“ hervorzuheben.

Durch die Piano-Kultur eingangs kamen die kraftvollen Stellen wie der Einsatz des „Gloria“ oder ganz am Ende das „Dona nobis pacem“ besonders zur Geltung. Andreas Jedamzik hat es vorzüglich verstanden, die dynamischen Möglichkeiten der Musik über das ganze Stück genau passend zu dosieren. Dabei verzichtete er in seinem Dirigat auf große Gesten. Nur mit kleinen Bewegungen forderte er die Aufmerksamkeit seiner Sängerinnen und Sänger ein – die er stets bekam.

Die Solisten passten sich dieser geforderten Bandbreite wunderbar an. Das gilt auch für die Pianistin Julia Bartha, für die dieses Stück eine Premiere war, die sie vorzüglich bestanden hat: mal innig und zart, mal energisch und forcierend gestaltete sie ihren komplexen Klavierpart. All diese Facetten vereinigten sich in ihrem Solo im „Offertorium“ – zum Dahinschmelzen schön!

Für das Publikum wäre es ein schöner Service gewesen, wenn das Programmheft neben den Informationen zu den Mitwirkenden auch etwas über das Stück verraten hätte. Da gäbe es viel zu erzählen. Aber auch ohne diese Informationen war das ein hoch emotionaler Nachmittag. Die Zuhörerinnen und Zuhörer belohnten die Mitwirkenden mit stehenden Ovationen und langanhaltendem Applaus.

Kommentare powered by CComment

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok