GSO

Es waren drei Komponisten, mit deren Werken das Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Fabrice Bollon einen Abend mit ganz unterschiedlicher Dynamik erzeugte. Die Kompositionen von Jean Sibelius, Edvard Grieg und Carl Nielsen können wohl unterschiedlicher nicht sein, gemein ist ihnen jedoch die Herkunft ihrer Urheber, was der Titel des Konzertabends verriet, denn es wurde „Nordisch“. Es war das letzte Konzert in den gewohnten Räumlichkeiten der Stadthalle vor den anstehenden Sanierungsarbeiten.

Zu Beginn des Abends erfüllten die heiteren und sprühenden Klänge der Ouvertüre E-Dur JS 145 des aus Finnland stammenden Jean Sibelius (1865-1957) den gut besuchten Saal. Es begann sanft, mit der fließenden Leichtigkeit der Violinen und der Raffinesse des Triangels, mit eleganten Schlenkern, die sich mit kurzen Einbrüchen zuspitzten und wieder in einen erneut harmonischen Fluss zurückkehrten. Dann und wann hielt ein Hauch Melancholie Einzug, den das Triangel mit seinem hellen Klang jedoch rasch wieder abschwächte. Besonders eindrucksvoll war die sich steigernde Verdichtung der Instrumente zu einer mächtigen, leicht bebenden Klangwelle, die sich unter kräftigem Einsatz des Beckens entlud. Immer wieder erhoben sich träumerische Klänge der Violinen, die gegen Ende des Stücks unruhig umherzueilen schienen, verstärkt durch die ebenso irrenden Holzbläser, und schließlich doch noch in einem gemeinsamen Finale zusammenfanden. Es war ein zauberhafter Beginn, der elegant zum Kernstück und Höhepunkt des Abends, dem Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16 des Norwegers Edvard Grieg (1843-1907) überleitete. Der Pianist Matthias Kirschnereit verlieh dem Werk besonderen Glanz und intensiven Ausdruck.

Angekündigt durch einen imposanten Paukenwirbel, ertönten nahezu transparente überfallartige Klavierklänge, die von dem lieblichen Spiel der Violinen wieder besänftigt wurden. Ein Werk, in dem sich die unterschiedlichsten Stimmungen begegnen und die norwegische Seele zum Ausdruck bringen; mal lebendig, tänzelnd und dahinschweifend, dann dynamisch und dunkel mit eindrücklichen Klavierklängen. Ausdrucksstark zeigten sich auch die Celli in zwar kurzem, aber intensiv sehnsüchtigem Zusammenspiel. Die Klaviersoli waren klar, intensiv und tiefgehend. Insbesondere in den unteren Lagen waren sie kraftvoll und führten hinab in dunkle Verzweiflung, auf die jedoch behänd wieder freudige Sequenzen folgten. Auch das hell erklingende Solo im geradezu malerischen Adagio, das von den berührenden Violinen und den sanften Hörnern wunderbar eingeleitet wurde, meisterte Kirschnereit bravourös, was sich in den von Leichtigkeit und Anmut geprägten Passagen des Allegro moderato molto e marcato nahtlos weiter fortsetzte. Unverkennbar waren die volkstanzähnlichen Elemente. Nach langen Ovationen und Bravo zeigte Kirschnereit sein virtuoses Können erneut in seinen beiden Zugaben: Frederic Chopins „Nocturne“ in cis-Moll und Claude Debussys „Mauvement“.

Als letzter Vertreter des Nordens folgte der Däne Carl Nielsen (1865-1931) mit seiner Symphonie Nr. 6 „Sinfonia semplice“ Fs 116, einem Werk, das in der Programmfolge des Abends in seiner Abstraktheit den Part des verspielt Modernen verkörperte. Nach anfänglicher Harmonie mit einer wohlklingenden Glockenspieleinleitung und einem von Volksliedelementen geprägten Thema im Tempo giusto glitt das Orchester weiter in dunklere, verworrene Stimmungsgefilde hinein, in denen einzig die Glockenspieleinsätze zum erhellenden Element wurden. Von Zeit zu Zeit glätteten sich die Wogen wieder, mit der Leichtigkeit der Flöte, Klarinette, Oboe und Fagotte, um dann wieder von der bedrohlichen Schärfe der Trompeten vorangetrieben zu werden. Besonders gut umgesetzt waren auch die kurzen, sehr leisen, aber dennoch intensiven hohen, ja geradezu schneidenden Passagen der Violinen. Die Humoresque. Allegretto zeigte sich erneut verspielt und mystisch; so irrten Triangel, laute Trommelschläge, tiefe Fagotte, Klarinetten und die Piccoloflöte in einem vielfältigen Klangspiel umeinander her. Im Proposta seria. Adagio fügten sich wieder wunderbar klar gespielte Sequenzen der vor Sehnsucht klagenden Violinen ein, während im Tema con variazioni zunächst ein fast ungewohnt heiterer Teil folgte, auf den schnell wieder verwobene Passagen folgten.

Fabrice Bollon zeigte sich an diesem Abend in seiner Art des Dirigierens sehr zurückhaltend. So fehlte an manchen Stellen eine angemessen schwungvolle und das Orchester mitreißende Präsenz. Dennoch war es ein sehr gelungener Abend, den das Publikum mit langanhaltenden Ovationen und Bravorufen würdigte.

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