ThOP

Vier Menschen in vier Wänden. Zwei Ehepaare. Zwei Männer. Zwei Frauen. In Yasmina Rezas Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“ erwächst aus dieser kammerspielartigen Situation eine Verhaltens-Studie über den modernen Menschen, von dem sich im Interessenskonflikt mit dem Anderen jede mühsam antrainierte, zivilisatorische Schicht des Anstands Stück für Stück abschält. Das Theater im OP hält sich in seiner Interpretation des Stoffes unter der Regie von Laura Apel sehr nah an die Vorlage und scheint vor allem darin versucht, dem Tempo der rasanten Wortgefechte Rechnung zu tragen.

Ausgehend von einem Streit ihrer Kinder, bei dem eines zwei Stücke seiner Schneidezähne einbüßte, entfaltet sich zwischen den Ehepaaren Houillé und Reille über einen Nachmittag hinweg ein erbittertes Streitgespräch, bei dem schon sehr bald nicht mehr nur der Disput ihrer Kinder, sondern die viel tiefer liegenden Gefühlswelten der Elternpaare verhandelt werden. Über Véronique (angemessen nervenaufreibend gespielt von Anja Kramer) setzt sich das Stück mit dem Typus des idealistischen Weltverbesserers auseinander, der den Glauben an positive Veränderungen in der Welt noch nicht aufgegeben, aber das Lachen lägst verlernt hat, während ihr Mann Michel (mit sichtlicher Spielfreude gespielt von Martin Liebetruth) schon Nackenschmerzen vom braven Dauernicken hat, nur um sich dann als empathieloser Nagetier-Mörder zu erweisen. Auf der Gegenseite stehen die Karrieremenschen im Anzug und Kostüm, der eine dauerbeschäftigt am Telefon (Alain: Thomas Rühling), die andere beschwichtigend, dann speiübel, dann angriffslustig (Annette: Jana Johe).

Über die Typisierungen seiner Figuren setzt sich „Der Gott des Gemetzels“ vor allem mit dem modernen, westlichen Menschen und seinen Lebensentwürfen auseinander. Im begrenzten Raum eines Wohnzimmers, auf der Bühne repräsentiert durch zwei kleine Tische, darf dann sukzessive zutage treten, was viel zu lange unausgesprochen geblieben war. Zwischen Alain und Annette steht das Telefon und die damit einhergehenden Priorisierungen ihres Mannes, zwischen Véronique und Michel steht der anstrengende Gestus des Perfektionisten und das profillose Beschwichtigen des Ja-Sagers. Die Etikette, das nette und doch so falsche Lächeln, die vorgeschobene Höflichkeit gehört hier schnell der Vergangenheit an. Was das Stück dann sichtbar macht, sind demaskierte Charaktere, die sich von ihren Typisierungen mit jedem cholerischen Anfall ein Stück entfernen. An dieser Stelle wird „Der Gott des Gemetzels“ zu einem erleichterten Ausatmen seiner Figuren, in dem das tagtäglich antrainierte Rollenspiel voller sozialer Erwartungshaltungen für einen kurzen Augenblick außer Kraft gesetzt wird und stattdessen die authentischen Ängste und Hoffnung ihren Raum bekommen.

Der Raum der Bühne, die Relation der Figuren zu diesem Raum, sowie ihre Relationen zueinander, spielen an diesem Premierenabend eine eher untergeordnete Rolle. Auch in Gestus und Habitus, vor allem in ihren nicht-sprechenden Teilen, bleiben die vier Schauspieler ganz auf ihre Worte bedacht. Das lässt viel kreativen Raum ungenutzt, in dem es für den Zuschauer auch abseits der jeweiligen Sprechparts etwas zu entdecken gäbe. Stattdessen scheint der Fokus vor allem auf den Wortgefechten zu liegen, deren Tempo und Timing immer wieder große Herausforderungen darstellen. Das Publikum belohnte den spielfreudigen Cast und seine Strippenzieher hinter der Bühne mit reichlich Lachern und ausgiebigen Ovationen. Mehr geht dann für eine Premiere wohl auch nicht.

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