Literaturherbst

Schon mit Haydns Menuett springt der Funke über, noch vor der feurig strahlenden Widmung Franz Schuberts für den Vierklang, mit dem das Schumann-Quartett im Alten Rathaus sein Publikum umschwärmt. Wie in den vergangenen Jahren auch, wenn es beim Literaturherbst zu musikalischen Begegnungen und Gesprächen kam, entsteht dabei eine ganz besondere Atmosphäre. Die Wirkung des musikalischen Funkenflugs wird auch durch die Begeisterung von Harald Eggebrecht verstärkt, der bereits zur Begrüßung ankündigt, es sei ein großes Vergnügen, das Schumann-Quartett zu erleben.

Der Musikpublizist ist eben nicht nur ein Kenner seines Faches, sondern auch ein Liebhaber von Klangwelten, Komponisten und ihren Interpreten. Ebenso gern teilt er seine Passion mit dem Publikum, das im Alten Rathaus einen beseelten Zuhörer erlebt. Der begeistert sich nach Haydn und Schubert für das harmonische Gewölbe in Charles Ives‘ Streichquartett und diese gefühlsmächtige musikalische Liebeserklärung von Leo Janacek.

Selbst wenn es bei diesem Gesprächskonzert auch um musikhistorische Akzente geht, flaniert Eggebrecht entspannt und ohne akademische Zwischentöne mit den Musikern durch kammermusikalische Regionen und ihre Geschichte. Sie beginnt mit Joseph Haydn, der als Vater der Streichquartette beschrieben wird, um mit Beethoven und Mozart die Messlatte sehr hoch anzulegen. Mozart soll der beim Komponieren eines Quartetts über „richtig verdrecke Arbeit“ gemäkelt haben, dass ihn über mehrere Monate beschäftigte und ihm ihm offenbar nicht so leicht von der Hand ging wie eine Symphonie. Auch Beethoven brachte es nicht auf ein derart opulentes Werk wie Haydn mit seinen 68 Quartetten, merkt Eggebrecht an, und dass Bela Bartok für seine sechs sein gesamtes musikalisches Leben gebraucht habe.

Im Gespräch mit Primarius Erik Schumann, Ken Schumann an der zweiten Violine, Bratschistin Liisa Randall und Cellist Mark Schumann geht es natürlich um die Frage, wie dieser gemeinsame Vierklang entsteht. Die Musiker vertrauen hier nicht nur auf die gegenseitige Unterstützung, wenn die erste Violine bei Haydn das Thema in artistischen Variationen umspielt, das die Mittelstimmen harmonisch grundieren während das Cello dazu weitere rhythmische Akzente setzt. Mit dem Vater des Streichquartetts verbinden sie auch dessen Anliegen, nicht nur die Solovioline hervorzuheben sondern dass sich dabei die anderen Stimmen emanzipieren sollten. Eggebrecht forscht weiter nach den Grundbedingungen, für einen homogenen Klang, Eine große Portion Idealismus gehört für Erik Schumann dazu, der das Quartett als zweite Familie beschreibt und als sehr intime Angelegenheit, die er mit menschlichen Beziehungen vergleicht, die bei so schöner, toller Musik wachsen und reifen. Darin bestätigt ihn auch seine Musikerfamilie und dass es ebenfalls zu den Grundbedingungen gehöre, dass jeder solistische Qualitäten besitzen müsse, eigene Klangvorstellungen und andere Vorstellungen von Vibrato und dass es dann vor allem um die Balance gehe.
MarkSchumann scherzt über die Sonderrolle die das Cello dabei einnimmt. Sie sei schließlich das Fundament für jedes Vierklanggebäude sei, das ohne sein Instrument zusammenbrechen würde. Ebenso gern scherzen die Musiker über ein ganz anderes Ranking, wie es von einem Musikchronisten überliefert ist. Der hatte das das Quartett als Flasche Wein beschrieben, die erste Geige zum Etikett erklärt, das Cello zur Flasche und die Mittelstimmen zum eigentlichen Inhalt, dem Wein. Die beschwingten Zuhörer lassen sich gern weiter beschwingen, wenn ihnen das Schumann Quartett jetzt Schubert mit vier leidenschaftlich strahlenden Instrumenten kredenzt und die melodischen Spannungsbögen miteinander verschmelzen lässt. Gewaltige musikalische Energien entladen sich dann auch im Scherzo des Streichquartetts von Charles Ives. Angesprochen auf den Moment des Verschmelzens hatte Erik Schumann zuvor erklärt, dass Verschmelzen nicht bedeute, dass alle Musiker gleich sind, sondern dass sich jeder individuell dem Werk und der Rolle widme, die er darin habe.
Mit Charles Ives gab das Schumann Quartett sein Debüt in der Hamburger Elbphilharmonie und auch die Göttinger Zuhörer spüren die virtuose Kraft, die sein Werk erfordert, um diesem pulsierenden Energiefeld mit seinen ständigen Tonartwechseln und seinen dramatischen Ausbrüchen zu begegnen. Eggebrecht wirft noch einen Blick zurück auf Haydn, Mozart und Beethoven und ihre hohen Ansprüche an das Streichquartett, dass sie die Latte so hoch setzten, dass alle weiteren Komponisten ebenfalls darüber springen wollten. Auch Dmitri Schostakowitsch soll lange mit dieser Messlatte und den kompositorischen Dimensionen gerungen haben, wie der Musikpublizist berichtet, um stattdessen das Streichquartett wie ein persönliches Tagebuch zu betrachten und darin ureigenste Ideen unterzubringen. Selbst das Werkverzeichnis von Leo Janacek nennt nur zwei dieser anspruchsvollen kleinen Kammersymphonien, bei denen Eggebrecht mit dem Schumann-Quartett ebenfalls die Vorgeschichte betrachtet. Für die unerfüllte platonische große Liebe des Komponisten kam nur das Streichquartett in Frage, für das er sein gesamtes kompositorisches Vermögen einsetzte. Dem leidenschaftlich bewegenden Credo Janaceks widmet sich das Schumann Quartett zum Abschluss des Gesprächskonzertes.

Das Publikum ist tief bewegt und auch Eggebrecht, der die Musiker umso lieber zu einer Zugabe überredet. So wie der Moderator strahlt, kommt für das Quartett natürlich nur etwas Heiteres in Frage. Es beschenkt sein Publikum mit einer Polka von Dmitri Schostakowitsch und diesem wunderbar launig verspielten farbenfrohen Vierklang, bei dem die Instrumente tanzen und funkeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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