Literaturherbst

Als sichtlich begeisterte Leserin des als eine Art On-The-Road-Novell besprochen Buches, moderierte Prof. Anke Detken die Lesung am vorletzten Tag des 27. Göttinger Literaturherbstes, bei der Lucy Fricke aus ihrem vierten Roman „Töchter“ vorlas. Verhandelt werden dabei die ziemlich problematischen Beziehungen zweier Frauen zu ihren Eltern, das heißt vor allem zu ihren Vätern und noch ein ganzes Konglomerat ziemlich heftiger Themen.

Bezüglich des am Abend präsentierten Handlungsausschnitts: Marthas Vater ist nach einem von Tabak und Alkohol durchsetzten Leben sterbenskrank und wünscht sich von seiner – nach 35jähriger Abwesenheit – hauptsächlich leiblichen Tochter, dass sie ihn zu einer Freitodbegleitung in die Schweiz fährt. Mäßig begeistert und emotional ziemlich gefordert bittet Martha – allein schon aus autofahrtechnischen Gründen – ihre Freundin Betty sie zu begleiten (und zu fahren), die sich der Leser-und Zuhörerschaft bereits von der ersten Romanseite an als ziemlich desolate, ziemlich sarkastische, „hauptstadtnormal“ depressive Ich-Erzählerin vorgestellt hatte und mit ihrem buchdurchziehenden lässigen (teils zynischen?) Ton für heiterste Stimmungen bei Lesern und Leserinnen (Stichwort Lachtränen, ARD Druckfrisch) und nun auch beim Literaturherbst-Publikum sorgte. In der Schweiz angekommen gesteht der bereits Inkontinente und blutigen Auswurf hustende Vater, dass er überhaupt nie vor gehabt hätte, eine Schweizer Freitodbegleitung aufzusuchen, dass das alles nur ein Vorwand war sozusagen kurz vor Sense noch einmal Zeit mit seiner Tochter zu verbringen und er also lieber weiter nach Italien möchte zu einer ehemaligen Geliebten, die ihn einst hat sitzen lassen. Soweit zum (grob skizzierten) Grundgerüst der Handlung.

Anfangs unterschwellig, später zunehmend in den Vordergrund gerückt, findet dabei beziehungsweise hauptsächlich ein „sich abarbeiten“ der dezidiert als Töchter bezeichneten Freundinnen an ihren Eltern satt. So zumindest der „Stern“ – wie auf der Rückseite des Buches abgedruckt. Was aber heißt das hier? Vorab: Fühlen Sie sich eingeladen der Sache nachzugehen.

Lucy Frickes Roman Töchter scheint ein im On-the-Road-Novell-Gewand gekleideter Detektivinnen-Roman zu sein. Die Fahrt nach Süden (erst Italien, später Griechenland) ist ein Hinabsteigen in einen vielleicht nicht verdrängten, aber von dem Leben der Protagonistin in möglichst umfassender Weise ausgeschlossenen Teil ihrer Vergangenheit. Wie aber Betty – halten wir uns doch an die Ich-Erzählerin und zentrale Figur – die nie als unbedarfte Touristin auftritt, ist das sich Erinnern/Auseinandersetzen mit den Eltern/vor allem Vätern kein melancholisches in Erinnerung schwelgen. Die ergebnisoffene Detektivinnenarbeit steigert sich zur existenzbedrohenden Aufgabe mit dem inhärenten Versprechen von… ja von Was? Versöhnung, Erlösung, Heilung? Die vielleicht prinzipiell unbeantwortbare Frage (jede Detektivarbeit braucht eine Fragestellung, sei sie auch unbeantwortbar), was sie (Betty und zum Teil gilt das auch für Martha) so desolat, sarkastisch bis zynisch, tendenziell alkoholkrank und definitiv – und zwar beide – irgendwie depressiv gemacht hat, befragt dabei – auf plural-perspektivistische und in diesem Zusammenhang auch beachtliche, herausfordernde Weise (suchen sie gerne nach eigenen Adjektiven) – unter anderem Themen wie die Emanzipationspraktiken/-versuche/-experimente der Frauenbewegung seit den 70 Jahren (also eben in der Zeit als Lucy und Martha Kinder waren). Der Rezensent beginnt sich Sorgen zu machen bezüglich metaphorischer Fingerverbrennungen vierten Grades und um jedes Missverständnis zu vermeiden: Lucy Fricke hat zur Emanzipationsbewegung eine klare Meinung und die ist volle Granate PRO. In Ihrem Roman geht es hauptsächlich um die Väter, aber eben auch um die Mütter, die ebenfalls nicht so richtig gut wegkommen. Und daher nahm am Abend das Thema Emanzipation als diffizile Komponente der detektivischen Recherche durchaus Raum ein; wie gesagt mit einer klaren Haltung.

Lucy Frickes Roman wirft Fragen auf; unangenehme Fragen und das auf teils verdammt mutige Weise. Und auch wenn die Zuhörer des Abends hoffentlich alle das Glück hatten, aus nicht ganz so verrotteten Familienverhältnissen zu stammen wie die beiden Töchter, werden diese Fragen vielleicht doch auch Bereiche ihres Lebens berührt haben. Fragen zu der eigenen Beziehung zu den Eltern als wohl oder übel fortwährend prägende Instanzen. Lucy Fricke kritisiert ja in ihrem Roman nicht per se Patchworkfamilien, Selbstverwirklichungsexperimente, abwesende Mütter oder (hauptsächlich) abwesende Väter (also das vielleicht auch), sondern vor allem etwas viel Grundlegenderes: missglückte Kommunikation und der daraus resultierende Vertrauensverlust. Und ist das nicht eigentlich ein Thema, dass uns nicht nur in den Rollen als Töchter/Söhne tangiert, sondern vor allem als Menschen?

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