Literaturherbst

„Die Vorstellung ist komplett ausverkauft, keine Karten mehr an der Abendkasse!“, sagt die Dame am Kartenschalter zu den nachfragenden Gästen, während sich die vorletzte Veranstaltung im Saal des Deutschen Theaters im Rahmen des Literaturherbsts 2018 langsam dem Ende neigt. Vor dem Gebäude warten schon die nächsten Scharen auf den Einlass, um einen der wohl bekanntesten Kabarettisten Deutschlands auf der Bühne zu erleben.

Nach fast 22 Jahren ist Dietmar Wischmeyer erstmals wieder in Göttingen zu Gast, um mit seinen Alltagsbeobachtungen, gekleidet in das für ihn typische, zutiefst schwarzhumorige Satire-Gewand, die Leute zum Lachen zu bringen.

Als sich endlich die Türen öffnen und die Massen in den Vorsaal strömen, scheint es, als trete der vom Gast des Abends in seinem Letzten Buch als „gefühlter Weltuntergang“ beschriebene Zustand der Gesellschaft tatsächlich ein. Doch das Chaos lichtet sich allmählich, die Leute finden auf ihre Plätze, bis letztlich der Mann der Stunde unter tosendem Applaus und nach kurzer Ankündigung die Bühne betritt. Der Satiriker sitzt den Abend über an einem Schreibtisch mit orangenem Wählscheiben-Telefon, vor sich einen Stapel Papier ausgebreitet.

Dietmar Wischmeyer liest vor und Zurück! heißt das exklusiv für diesen Abend geschriebene Programm. Was Wischmeyer also macht, ist vorlesen. Aus einem Portfolio neuster satirischer Erzählungen zu seinem politischen wie sozialen Umfeld, skizziert er schließlich ein Gesamtbild seiner ganz individuellen Sicht auf die Dinge. Von der allgemeinen Sinnlosigkeit in diversen Lebensbereichen, über politische Unzulänglichkeiten der deutschen Parteien, bis zu Bildungslücken und der Vielfalt der sprachlichen und allgemeinen Ungebildetheit einiger Mitbürger.

Das Motto des Abends „Die Lächerlichkeit hat viele Gesichter“, zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die als Lecture inszenierte Vorstellung. Dabei wirkt der Autor und Radiomacher wie ein Universitätsprofessor, der mit seinem sympathischen Nuscheln selbst nicht richtig zu glauben scheint, aus welchen gesellschaftlichen Kontexten er hier gerade zitiert. So steigt er ein in sein Bühnenprogramm mit einem kurzen, schlagzeilenartig formulierten Überblick über „die Vorkommnisse der Politik und sonstigen Absurditäten der vergangenen Monate“:

„Gattinnen von Edel-Harzern brettern mit ihrem Porsche sturzbetrunken gegen einen Baum; die SPD bekämpft sich selbst und gewinnt; die Bundeswehr steckt das eigene Land in Brand. Sieht so das Ende Deutschlands aus? Diese Drei Ereignisse haben oberflächlich keine Gemeinsamkeiten! In ihrem gleichzeitigen Auftreten stehen sie jedoch symptomatisch für die Verhurtheit dieser Republik.“

So karikiert er – um nur einige exemplarische Beispiele zu nennen – die abermalige Konfrontation mit dem Finanzamt, erzählt über politisch unkorrekte Beleidigungen, die auf den äußeren Erscheinungsbildern der Beleidigten gründen oder mit der politischen Vergangenheit des jeweiligen Herkunftslandes einhergehen, liest einen Text über Waschanlagenmitarbeiter, formuliert in sexualisierter Fäkalsprache, welche sich als solche, nur über den Zuhörer und seine Imaginationsfähigkeit respektive „Versautheit“ manifestiert und mündet u.a. schließlich in der sehr bildliche formulierten Schilderung des Ablaufs von Sexualpraktiken von Menschen in ihrem dritten Lebensalter, um bei all seinen Geschichten einen im Subkontext mitschwingenden Moralapostel zu konstruieren, der die Erzählungen in ihren Formulierungen wiederrum relativiert.

Wie ein Nachrichtensprecher legt Wischmeyer dabei seine subtil ausformulierten Scherze, einen nach dem anderen Beiseite, um in einer dem ausschweifenden Applaus geschuldeten Zugabe, auch noch seine beiden letzten komischen Kurzgeschichten für diesen Abend vorzutragen. Dabei spendiert er dem Publikum sogar eine exklusive Wiederbelebung einer seiner wohl bekanntesten Formate: Der kleine Tierfreund.

Am Ende des Abends, der Saal leerte sich so schnell, wie er sich füllte, sitzt Dietmar Wischmeyer zur Signierstunde im gläsernen Anbau des Theaters, trinkt sein Aftershow-Weizen und gibt ein exklusives Interview, welches unterhalb dieses Beitrags zu hören ist.

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