Junges Theater

Bei spärlichem Licht erklingen die Laute arbeitender Menschen. Fegen, scharren, scheppern. Der klangliche Rhythmus körperlicher Arbeit leitete treffend in die Premiere von Hans Falladas „Kleiner Mann - was nun?“ ein. Die Arbeitswelt zur Zeit der Weimarer Republik nimmt eine zentrale Rolle in Falladas Roman ein.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen Emma Mörschel und Johannes Pinneberg gespielt von den zwei Neubesetzungen des Jungen Theaters Jaqueline Sophie Mendel und Andreas Krüger.

Ein junges Pärchen, ohne viel Geld, welches sich durch ihre Schwangerschaft dazu gezwungen sieht, Verantwortung für einen weiteren Menschen zu übernehmen. „Wie schön!“ könnte man denken, doch in Zeiten der wirtschaftlichen Krise zählt jeder Pfennig und so schön es auch sein kann, ein Kind zu bekommen, so kostet es doch auch Geld, dieses zu ernähren und man will ja auch noch etwas vom Leben haben, ins Kino gehen, mal raus aufs Land fahren, sich eine Zigarette genehmigen. Alles kostet Geld. Doch woher soll dieses kommen und wenn man welches hat, reicht es zum Leben? Der Arbeitsmarkt bezahlt jemanden schließlich nicht dafür, „dass er nett ist, sondern dass er eben viel Hosen verkauft“.

Die Lage des jungen Pärchens ist keine leichte. Das verstand nicht nur Fallada, sondern auch den Verantwortlichen, insbesondere Peter Christoph Grünberg. Ihm ist mit der Inszenierung Falladas Romans eine gelungene Umsetzung geglückt.

Das Bühnenbild von Judith Mähler war spärlich eingerichtet, asketisch geradezu, ohne viel Überflüssiges. Doch Grünberg wusste auch mit dem Wenigen viel anzufangen – bei den starken schauspielerischen Leistungen war ohnehin nicht viel Bühnenbild erforderlich. Mendel und Krüger überzeugten in ihrer Darstellung des zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankenden Pärchens, das im Verlauf der Handlung mehr und mehr einsehen muss, wie schwer es ist, genug Geld zu verdienen. Pinneberg, der kleine Mann, sucht dabei händeringend nach einem sicheren Job, endet letztlich jedoch in der Arbeitslosigkeit und droht in dieser existenziellen Krise unterzugehen.

Doch bezeichnenderweise ist es gerade Emma, liebevoll Lämmchen genannt, die durch Gelegenheitsjobs und ihren nie endenden Lebenswillen die Existenz der kleinen Familie sichert. Durch alle unglücklichen Umstände hindurch bleibt diese stark, denn letztendlich zählt für sie nur, dass sie, ihr Mann und ihr Kind einander haben. Liebe und Zusammenhalt bewähren sich also gegenüber der misslichen finanziellen Lage und auch wenn die Verhältnisse ungünstig sind, beweist diese große Frau doch, dass man an diesem schweren Schicksal nicht zu Grunde gehen muss. Ein Überlebenskampf, der zwar die Welt im Großen nicht ändern kann, aber zumindest das eigene Leben und das der Nächsten sichert.

Ganz im Stil Falladas kam neben der tragischen Thematik auch der Humor nicht zu kurz. Einige satirisch überzeichnete Nebenfiguren (Katharina Brehl, Agnes Giese und Jan Reinartz) dienten als Grundlage für genügend komische Situationen. Diese wichen zum Ende hin jedoch einer eher düsteren Atmosphäre, die durch den gezielten Einsatz der Beleuchtung unheimlich verdichtet wurde und die schwere Lage des Pärchens unterstrich.

Hochemotional und berührend waren besonders die letzten Szenen, in denen der verzweifelte Pinneberg doch Halt an seinem Lämmchen fand. In Tränen sitzt er da im Dunkeln, ganz allein und verlassen und schämt sich, weil er es nicht schafft, für seine Familie zu sorgen. Doch Lämmchen liebt ihn trotzdem, gemeinsam werden sie es schon schaffen.
Das Bild der beiden, wie sie beisammensitzen und noch im Dunkeln gemeinsam singen und für einander da sind, gehört zu den stärksten Szenen der Aufführung. Ein kleines Happy End also, auch wenn die Beschwernisse nicht aus der Welt gewichen sind.

Das Junge Theater hat mal wieder erstklassige Arbeit geleistet. Schön, dass es sich Falladas Roman angenommen hat, denn die darin geschilderten existenziellen Nöte betreffen immer noch eine Vielzahl der Menschen.

Auch beim begeisterten Publikum schien die Aufführung einen Nerv zu treffen. Dass die Inszenierung auf viel Anklang stieß, wurde durch überschwänglichen Applaus deutlich.

Für Lämmchen ist die Sache klar: „Wenn wir uns vor dem Schimpfen genieren, wird es auf der Welt nie anders.“ Es heißt also, den Finger in die Wunde zu legen. Es ist schließlich genug da; also warum müssen dennoch Menschen in Armut und ständiger Sorge leben? Unvermeidbar ist dies nicht. Eine bessere Welt ist möglich. Den Weg dahin vermag weder Falladas Roman noch die Inszenierung des Jungen Theaters zu zeigen. Doch was sie können, ist darauf hinzuweisen, dass die aktuelle Welt keinesfalls die beste aller Welten ist. Und auch wenn es noch dauert, bis diese erreicht wird, bleibt doch die Hoffnung darauf. Ganz im Sinne Lämmchens sollten wir aufeinander Acht geben, solidarisch sein und unsere Hoffnung und Liebe zum Leben nicht aus den Augen verlieren.

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