Literaturherbst

Wildnis: ein Ort romantischer Unberührtheitsfantasien und gefährlicher Unberechenbarkeit zugleich. Ein Zufluchtsort zur Einsamkeit, Grenzaustestung, Selbstfindung und ein Ort zur Unter-Beweis-Stellung von Stärke, Ausdauer und Mut – Attributen eines „Männlichkeitsideals“ in westlichen Gesellschaften.

Abi Andrews greift all diese Konnotationen auf und macht sich in ihrem Debutroman „Wildnis ist ein weibliches Wort“ auf den Weg in die weite Wildnis Alaskas. Ihre Protagonistin Erin folgt den Spuren Henry David Thoreaus und Christopher McCandless, die wie sie vom Ausstieg aus einer reizüberflutenden und gewaltvollen Kultur träumten, einer „Rückkehr zur Natur“. Ein zentrales, sie dabei begleitendes Thema ist die Dominanz männlicher Erzählungen in Bezug auf Wildniserfahrung – die 19-jährige Erin möchte das Narrativ des verwegenen Abenteurers aufbrechen und zeigen: Überleben in Wildnis ist nicht an eine gesellschaftliche Geschlechterzuweisung gebunden! Der Titel „Wildnis ist ein weibliches Wort“ irritiert da, erinnert er doch an essentialistische Perspektiven im Ökofeminismus, die Frauen* aufgrund von Gebärfähigkeit eine größere Naturverbundenheit und Emotionalität zusprechen und damit von mit rationaler, ausbeuterischer westlicher Kultur in Verbindung gesetzten Männern* scharf biologisch und psychisch abgrenzen.

Das sei keine Aussage ihres Buches, erzählt Abi Andrews auf Nachfrage der Moderatorin Babara Schaff. Es ginge ihr vielmehr darum, an Geschlechtszuschreibung geknüpfte Erwartungen aufzuzeigen und Rollenbilder bewusst zu durchbrechen. Ihr Buch hat damit einen klar feministischen Anspruch, was auch immer wieder in Diskussionen und Reflektionen über Themen wie körperliche Selbstbestimmung und Menstruationstassennutzung zum Ausdruck kommt. Literarisches Schreiben sei für sie auch immer ein Weg, Aktuelles zu verarbeiten, erzählt Abi Andrews.

Neben emanzipatorischen sind es in diesem Buch besonders auch ökologische Themen, die die Protagonistin Erin umtreiben. So versucht sie, mit dem Reisen zu Fuß, mit Hundeschlitten und Frachtschiff, ihren ökologischen Fußabdruck möglichst gering zu halten und reflektiert immer wieder darüber, welche Spuren sie in der Weite hinterlässt. Natur ist dabei zu Beginn ihrer Reise noch ein fremder Ort, mit dem sie sich durch ihr Aufwachsen in Großbritannien nicht verbunden fühlt. Die um den Begriff rankenden Mythen ziehen sie an, das Verlassen ihrer gewohnten Umgebung, der Ausbruch aus einer abstrakten, vernetzten Welt.

Mit Humor und teils verträumten Beschreibungen schafft es Abi Andrews, dieses große Thema vom Finden eines Zuhauses in der Welt nicht in einer pathetischer Sinnsuche und bloßen System-Ausstiegsfantasien enden zu lassen. So wird Natur für Erin schließlich zu einem Ort, dem sie auch in westlicher Kultur verbunden sein kann und ihre Reise einmal mehr Zeugnis dessen, dass Geschlechtszuweisungen gesellschaftlich aufzubrechen und zu überwinden sind.

Beschreibung der landschaftlichen Weite und daran geknüpften Emotionen, kleine Zeichnungen und Fotos im Buch lassen nicht vermuten, dass es sich um einen fiktionalen Roman handelt, Abi Andrews „nur“ in Texten und Filmen nach Alaska gereist ist, in Gedanken wanderte und dabei über derzeit sehr relevante Themen schrieb.

Der Abend hat in jedem Fall Lust aufs Weiterlesen gemacht! Und noch mehr Lust aufs Vorlesen und Zuhören – die Schauspielerin Imme Beccard hat der deutschen Übersetzung eine fantastische Stimme verliehen.

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