Literaturherbst

Ein Abend über Richard Fariña

Gnossos Pappadopoulis ist ein ziemlich irrer Typ. Ein manischer Grieche, der, von der spießigen Gesellschaft der späten 50er Jahre gelangweilt, das Weite sucht, sich auf eine wahnwitzige Odyssee durch die Welt begibt und nach einem Jahr zurück nach Amerika kehrt. In ihm selbst lodert seitdem das entfachte, freiheitsliebende Leben, während auf dem Campus weiterhin strikte gesellschaftliche Vorgaben vorherrschen. Doch „hier ist jemand, der aufrühren, aufwühlen, aufschäumen wird!“ sagt er von sich selbst und ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Genau davon handelt Richard Fariña einziger Roman „Been down so long it looks like up to me“.

Der Protagonist des Romans ist zwar eine der weniger bekannten Figuren der Beat Generation, wer sich von Autoren wie William Burroughs, Allan Ginsberg und Jack Kerouac entworfenen Gegenkulturen angezogen fühlt, wird mit Fariñas Roman dennoch bestens bedient sein. Der Roman wurde erst vor kurzem erstmalig in einer deutschen Ausgabe vom Göttinger Steidl Verlag herausgebracht. Groovy! Findet der Literaturherbst und organisierte aus gegebenem Anlass eine Lesung und Diskussion mit Robert Stadlober und dem Lektor des Steidl Verlags Daniel Frisch. Man traf sich bei einem Glas Wein in lockerer Atmosphäre im Alten Rathaus, wo Stadlober als eingefleischter Beatnik-Enthusiast aus Fariñas Buch vorlas wie es wohl sonst niemand besser hätte tun können und unterhielt die zahlreich erschienen Zuschauerinnen und Zuschauer im Gespräch mit Frisch mit viel Witz, Charme und einer gesunden Portion Ernsthaftigkeit.

Beim Publikum kam diese Mischung bestens an. Zu allen Seiten wurde gelacht, gekichert und geschmunzelt, zu Recht, denn „Been down so long it looks like up to me“ sprudelt vor irren Ideen geradezu über. Stadlober einzuladen erwies sich außerdem als kluge Entscheidung, zumal dieser das für die Literatur der Beat-Generation typische grenzenlose Lebensgefühl mit Begeisterung vertritt. Für ihn sind die Beatniks enorm wichtig, da sie sich nicht damit abfinden, in ihrer Unzufriedenheit über die herrschenden Verhältnisse unterzugehen, sondern nach Gegenentwürfen für das eigene Leben suchen. Was für die Beatniks galt, hat heute immer noch Relevanz. Gegenkulturen sind sein Lebenselixier, so Stadlober. Daran hat sich auch mit Mitte dreißig nichts geändert.

Auch wenn die Jugend und ihre ungestüme Ablehnung der bestehenden Verhältnisse vorüber ist, steckt in dem Grundgefühl der Unzufriedenheit an der Welt, dieser laut Stadlober „wahr gewordenen Hölle“, doch ein wahrer Kern. Der Wunsch nach einer gerechteren Welt kennt schließlich keine Einschränkung auf ein bestimmtes Lebensalter. Für Stadlober kann die Beat-Generation deshalb auch noch nicht tot sein, denn solange sich noch jemand für diese Art von (literarischer) Bewältigung der Wirklichkeit interessiert, bleibt das Erbe der Beatniks am Leben.

Daniel Frisch erwies sich außerdem als passender Gesprächspartner. Auch an ihm war viel Faszination für die Beat-Generation bemerkbar und so ergab sich eine lebhafte Gesprächsdynamik zwischen ihm und Stadlober, die bestens zum Lebensgefühl des Romans passte. Die authentische Begeisterung der beiden hat sicherlich einigen Lust auf den Roman gemacht. Fraglich ist jedoch, wie hoch die Wellen sein können, die ein Beatroman schlagen kann. Unwahrscheinlich, aber dennoch schön wäre es natürlich, wenn Fariñas Roman zur neuen Studierendenbibel wird und alle möglichen Leute in Gnossos Pappadopoulis-Manier den Campus wirklich mal aufrühren, aufwühlen und aufschäumen würden.

Ein paar vom äußeren Erscheinungsbild als Beatniks Durchgehende hatten sich auch ins für Göttingen typische, eher bildungsbürgerliche Publikum gemischt. Allerdings verhielten diese sich doch wesentlich ruhiger als Fariñas irrer Romanheld, der auf Campuspartys auch gern mal wild auf Tische springt. Muss vielleicht auch nicht immer sein; dafür gibt es schließlich die Literatur. Trotzdem lassen sich viele lebhafte Impulse sowohl aus dem Abend mit Stadlober und Frisch, als auch aus dem Roman mitnehmen. Danke dafür!

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