GSO

Beethoven und Mahler

Mit dem Wort „Titan“ verbindet man etwas Mächtiges, Großes, Unzerstörbares. Die Titanen als älteste Götter in der griechischen Mythologie sind das Sinnbild des Epochalen. „Titan“ ist der Titel der 1. Symphonie von Gustav Mahler, ein Werk, das durchaus eine neue Ära in der Musikgeschichte einleitete. Was könnte man diesem Werk als Programmpunkt beifügen, wenn nicht ein Stück eines anderen „Titanen“: Beethoven. So stellte das Göttinger Symphonieorchester (GSO) der Aufführung von Mahlers 1. Symphonie das 3. Klavierkonzert von Beethoven voran. Die Kombination ist durchaus wagemutig, da die Werke grundverschieden sind.

Für den Klavierteil verbündete sich das GSO unter der Leitung von Nicholas Milton mit dem Pianisten Michail Lifits, jemandem dem selbst der Pfad auf den Olymp gezeichnet ist. Praktisch jeder im Konzertsaal dürfte das Klavierkonzert gekannt haben. Es ist große Musik. Vom ersten Takt an baut Beethoven eine packende Dramatik auf. Man versinkt förmlich in Lebendigkeit, Aufregung und Schönheit. Doch die Gefahr bei solchen Stücken ist, dass sich das Orchester auf der Qualität der Musik ausruht. Das GSO spielte die Orchesterexposition solide, aber ohne das Quäntchen Besonderheit. Michail Lifits ließ sich von der Gewöhnlichkeit nicht anstecken und webte seine persönliche Note in die lupenrein phrasierten Läufe des ersten Satzes ein. Der Umbruch von C-Moll nach E-Dur im zweiten Satz gilt, wie Michael Schäfer in seiner anekdotischen Werkseinführung erwähnte, als wahrliche „musikalische Kühnheit“. Doch Michail Lifits spielte ihn so, als könnte es nicht anders möglich sein. Im zweiten Satz kam seine besondere Stärke zum Vorschein: er kann extrem gefühlvoll spielen. Ohne Hast, mit innerer Ruhe entfaltete er die emotionale Tiefgründigkeit dieser Jahrtausendmusik. Im dritten Satz überzeugte das Orchester mit energetischer Phrasierung, die mit dynamischen Crescendi eine spritzige Heiterkeit entfaltete, sodass es eine wahre Freude war, zuzuhören. Dafür gab es vom Publikum langanhaltenden Applaus für Orchester und Pianist, den Michail Lifits mit einer romantischen Zugabe erwiderte.

Das Werk von Mahler ist ein Cocktail verschiedener Einflüsse. Es ist ein vielschichtiger Kosmos an Klangwelten, in den Volkslieder, Märsche und symphonische Dichtung galaktisch verschmolzen sind. Nicholas Milton arbeitete mit dem GSO die Gegensätze dieser Symphonie gut heraus, sodass die krassen Kontraste von Glückseligkeit und Ausgelassenheit dem Schmerz und Kummer gleichwertig zur Seite standen. So ließ zum Beispiel Nicholas Milton den pompösen Schluss des ersten Satzes mit komödiantischem Gestus enden, was sehr originell und passend war im Übergang zu der Kirmesstimmung im zweiten Satz. Das magische Moment der Symphonie bildete der dritte Satz. Das dominante Thema war die Melodie von „Bruder Jakob“. Sie wurde vom Kontrabass im Solo dunkel angestimmt. Im kanonischen Muster kamen zuerst die Bläser, dann auch die Streicher dazu und die Melodie entfaltete sich zu einem bizarren Trauermarsch. Mahler ließ seine Symphonie titanisch enden. Mit fünf Hörner und zwei Trompeten beschallte das Orchester das Publikum noch mit einem ehernen Klangteppich bevor die Symphonie mit einem letzten Knall endete und der tosende Applaus einsetzten konnte.

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