Literaturherbst

Der Leiter der technologischen Entwicklung von Google, Raymond Kurzweil, prognostiziert technologische Singularität für das Jahr 2045. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Rechenleistung künstlicher Intelligenz, die des Menschen übersteigt. Doch was bedeutet das für die Menschheit? Wird sie in eine neue Sphäre des Wohlstands katapultiert oder wird sie zerstört? Frank Schätzing entwirft in seinem neuen Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ ein mögliches Szenario und verpackt es in einer spannenden Kriminalgeschichte. Dieses Buch stellte er im Zuge des Göttinger Literaturherbsts in seiner Leseshow vor.

Die Show fing mit den psychedelischen Klängen der Gitarre von Markus Reuter an. In dessen Klangteppich trat Frank Schätzing und begann aus seinem Buch vorzulesen: Eine Tote wird gefunden in dem verschlafenen Sierra County in Kalifornien. Undersheriff Luther Opuku glaubt an einen Mord. Seine Ermittlungen führen ihn ins Silicon Valley, der Technologiehochburg unserer Zeit. Dort trifft er auf Elmar Nordvisk, Genie und Humanist, der die bis jetzt leistungsstärkste künstliche Intelligenz geschaffen hat: Ares (Artificial Research and Exploration System). Das ist ein Supercomputer, geschaffen mit dem edlen Auftrag, alle Probleme der Menschheit zu lösen. Im weiteren Verlauf des Buches wird Luther in ein transgalaktische Waffenschieberei verwickelt, in der das Böse in allen Zwischenformen von Mensch bis Maschine lauert.

Frank Schätzing zeigte sich fasziniert von der Möglichkeit einer Superintelligenz und begab sich für seine Recherche nach Kalifornien. In einer PowerPoint-Präsentation erzählte er von den Orten und Menschen, denen er dort begegnet ist und die als Personen in sein Buch eingeflossen sind. Er huldigte die Aura des Unternehmergeists, die in dieser Region einzigartig vorherrscht und ein Brutnest für die rasante technologische Entwicklung bildet. Dieser Geist hat das Potenzial eine Erfindung wie Ares Wirklichkeit werden zu lassen.

Frank Schätzing übernahm in seiner Leseshow die Rolle des Elmar Norvisk, der sich mit seiner Erfindung Ares unterhält, die mit der Stimme und dem Gesicht von Nora Waldstätten von einer Leinwand spricht. Es entspannte sich ein philosophisches Gespräch über Lernen, Bewusstsein, Fühlen. Ist Ares sich seiner selbst gewahr? Fühlt Ares? Versteht Ares Humor? Zu Beginn dieses Dialogs war man noch eingenommen von der philosophischen Tiefe dieser Fragen, bis sie irgendwann in langatmige Verwirrungen abglitten, denen man nicht mehr klar folgen konnte. Überhaupt suggerierte dieser Teil der Leseshow, dass es in dem Buch mehrheitlich um die existenziellen Fragen von künstlicher Intelligenz geht. Obwohl dies das Kernthema ist, sollte man das Buch in erster Linie als Kriminalgeschichte lesen. Der spannende Plot mit überraschenden Wendungen hat Unterhaltungswert.

Bei den Aspekten der künstlichen Intelligenz kreiert Schätzing nicht wirklich einen Neuheitswert. Man hat das alles schon mal in Filmen gesehen: „I, Robot“ – eine künstliche Intelligenz übernimmt die Kontrolle und will die Menschen zerstören, im guten Bestreben die Menschen vor sich selbst zu schützen. „Interstellar“ oder „Rick und Morty“ – Reisen in Paralleluniversen. „Ghost in a Shell“ – Menschen verschmelzen sich mit synthetischen Körperteilen. Alle diese Elemente wirken in Schätzings Buch kopiert.

Die zwei Leseproben, erweckten den Eindruck, dass Schätzing etwas ausufernd und nicht auf dem Punkt erzählt. Der Versuch, die Landschaft aus fernen Paralleluniversen mit poetischer Sprache Leben einzuhauchen, wirkt zeitweise zu langatmig. Überhaupt klingen einzelne Passagen wie aus einem Jerry Cotton Heftroman. Das ist per se unterhaltsam, aber in der Form von Frank Schätzing nicht wirklich gewohnt.

Die wesentliche Stärke dieses Buchs ist, dass Schätzing trotz des Fokus auf künstliche Intelligenz, die menschlichen Figuren mit ihren Fehlern, Emotionen und Imperfektionen im Vordergrund lässt. Daher lautet die Empfehlung, das Buch vor allem als Krimi mit futuristischer Atmosphäre zu lesen.

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