Literaturherbst

Gemäß dem Titel seines jüngst erschienenen Buches hasst Julius Fischer Menschen und scheinbar ist er damit nicht allein. Seine Lesung im Rahmen des 27. Göttinger Literaturherbstes, die am 15. Oktober im Saal des Alten Rathauses satt fand, war – wenn nicht restlos ausverkauft, so doch ziemlich gut gefüllt.

Ob sein Facebook-Post dazu beigetragen hat, in dem er für sein Programm als eine Art Publikumsbeschimpfung warb (Fischer: „GöttingerInnen, ich hasse Eure Stadt […] deshalb komme ich am Montag“), war nicht zu ersehen, da niemand dem Aufruf folgte, die Kommentarfunktion zu nutzen um ebenfalls irgendjemanden zu beleidigen und dadurch wiederum – wenn spitzfindig genug – zwei Freikarten für die Literaturparty zu erhalten.

Wie dem auch sei, der Saal war gut gefüllt, und man war auf einen ironisch-heiteren Abend gefasst. Sehr zu Recht, denn Julius Fischer ist ein Entertainer. Beim MDR und bei der ARD tritt er mittlerweile in Comedy-Shows auf, was nicht zwingend in Zusammenhang mit seinen Poetry Slam Erfahrungen stehen muss, wo Julius Fischer mit seinen Texten begonnen hatte, aber wo man doch eine Menge lernen kann über Publikumsunterhaltung durch laissez faire Ironie.

Und so wurde es auch recht schnell ziemlich heiter. Julius Fischer begann nach einem selbstironischen Verweis darauf, dass ihm sein Buchbeginn grandios gelungen sei, aus dem Anfang des Buches vorzulesen. Die Einstiegsszene ist eine Zugfahrt mit der Deutschen Bahn, zu dem ja bereits viele ein ironisch distanziertes Verhältnis aufgebaut haben, die aber vor allem durch akustische und in Erinnerung an olfaktorische Belästigungen durch die zutiefst verachteten, weil essenden Sitznachbarn (Mohrrüben Gemalme, Zwiebelmettbrötchen- und Fastfood-Mief) sagen wir mal emotional etwas eingetrübt wird. Im Großen und Ganzen geht es in „Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung“ um Julius Fischer selbst – wenn fraglos manches erfunden sein wird – wie er seinen Alltag als Poetry Slamer erlebte und erlebt und diesen aus der Perspektive des ewigen Verlierers beschreibt. Belegendes Zitat wäre: „Ich bin das, was nach Bronze kommt, ein ewiger vierter Platz.“ Das psychologische Setting des Grantlers ist also gleich ab Seite 6 einwandfrei dargestellt und die Zuhörer zottelten amüsiert mit Julius durch seinen Alltag.
Nach der Zugfahrt folgte eine Episode in einer Bekleidungsboutique, wo eine Notlüge zu einem Lügennetz und am Ende zu einem Heiratsantrag führt und – etwas später – eskaliert ein leicht problematisches Nachbarschaftsverhältnis in etwas absurder Weise. Zwischendurch spielte Julius Fischer auf der Gitarre, sang ironische Lieder über Liebe oder großkotzige Yuppies und machte ironische Elektromusik und es kam sogar ein bisschen Erotik vor; natürlich ironisch gebrochen.

Hass ist aus politischer Sicht, nun ja, ein eher schwieriges Thema. Julius Fischer aber sicherte den Abend und sich selbst durch eine dezidiert liberal-demokratische Haltung davor ab, irgendwie in unangenehme Fahrwasser hineinzugeraten, sodass es bei einem vor allem spaßhaften Comedy-Abend bleiben konnte. Und natürlich hasst er ja auch nicht wirklich. Zumindest wirkt er gar nicht hasserfüllt, sondern eigentlich sehr nett. Aber irgendwie bleibt das Ganze doch unbehaglich, auch wenn Julius Fischer ein durchaus sympathischer Typ ist und man durchaus auch diese ich-hasse-euch-Stimmung als Alltagserscheinung kennt – wie scheinbar viele an diesem Abend sie kannten- und man dabei ja eigentlich auch nicht irgendwen wirklich hasst. Als Grundhaltung unserer Zeit ist Ironie da natürlich ein quasi natürlicher Umgang mit einer solchen, an sich traurigen, Einsicht; von wegen „so lang man lachen kann“ beziehungsweise: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Aber sollte am Ende nicht doch wenigstens die Frage gestattet sein, was es heißt, dass die ironische Distanz zu einem Dauermodus des eigenen Lebens geworden ist? Ist es nicht durchaus angemessen, etwas zu grübeln über die scheinbar destruktiven Lebenszustände mit denen man unter anderem in Zugabteilen oder beispielsweise im Büro sitzt – bei stets höflicher Mine? Ist das nicht eigentlich auch ein bisschen unheimlich.

Aber das ist nun auch schon eine Abschweifung und um jene zu versöhnen, denen diese Fragen etwas miesgemacht haben sollte: In der Ausgabe des Rezensenten hat Julius Fischer beim Signieren das Wort „Menschen“ im Titel gegen die Reflexivpronomen „Dich“ ersetzt.

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