Literaturherbst

Vorbeifahrende Schiffe und Ozeandampfer und Vogelschwärme hat Orhan Parmuk von seinem Balkon aus wahrgenommen. Auch Industriekulissen prägten seinen Blick über den Bosporus und dann auch die vielen hellen und dunklen Lichtstimmungen, wie sie die Sehlandschaft immer wieder anders einfärben. Den Titel „Balkon“ bekam auch der Band mit den Fotografien des Literaturnobelpreisträgers, der zum Göttinger Literaturherbst auch seine bilderreiche Chronik „Istanbul- Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt“ vorstellte.

Bei der Ausstellungseröffnung mit seinen Balkon-Motiven im Günter Grass Archiv des Steidl Verlages lässt Pamuk zunächst nur die Bilder sprechen und diese Aussicht, die sich zu jeder Tages- und Nachtzeit anders darstellt. Auf der Bühne des Deutschen Theaters wird er dann im Gespräch mit NDR-Redakteur Jan Ehlers von seiner wunderbaren Kamera schwärmen, mit der er den Dingen näher komme, die das Auge so nicht zu erfassen vermag. Mit den Momentaufnahmen des Bosporus Panoramas verfolgt Pamuk natürlich eine andere Sehspur als auf seiner Wanderung durch die Geschichte Istanbuls und wie sie er sie verwebt mit seiner eigenen Geschichte erlebt hat. Dennoch findet sich bereits in der Ausstellung ein Hinweis auf das Credo des Bilderzählers, der Lebens- und Erfahrungsräume nicht nur in einer Sprache mitteilbar machen möchte. „Bilder sprechen für sich selbst ohne Worte rein visuell“ heißt es in einem Zitat des amerikanischen Fotografen Walker Evans, „oder sie scheitern.“ Auch was der türkische Journalist Celid Salik über das Blättern in einem Fotoalbum anmerkte, dass sie nicht nur eine erstarrte Erinnerung sind sondern auf Vergangenheit und Zukunft verweisen, kommt in Pamuks ganz persönlichem „Istanbul“ Portrait zum Ausdruck.

Er sei dabei auch auf den Spuren von James Joyce gewandet, bekundet der Schriftsteller, wie der sich mit Dublin identifiziert habe, so wie Marcel Proust mit seinem Paris. Dabei beschreibt er auch eine besondere Form der Introspektion, die seine Erinnerungsreise grundierte „Die Stadt zeigt einem, wie man selber ist“, sagt er und dass das Buch weniger über Istanbul erzähle sondern vor allem über die Menschen weil er sie dort schon so lange begleite, und dass auch die Bilder der Stadt etwas von der Seele der Menschen widerspiegeln.

Zu den vielen Istanbul Geschichten, die der NDR-Redakteur mit Pamuk erkundet gehört natürlich die des kleinen Jungen, der seine Familie bei Familienfesten und Ausflügen perfekt arrangieren wollte, auch wenn niemand seinen Wünschen folgen mochte. Der machte auch später die Erfahrung, wie sehr inszenierte Aufnahmen die Wirklichkeit weg blenden, anstatt sie so spürbar zu machen, wie der Fotograf sie wahrgenommen hatte. Hinzu kommt die Geschichte eines teilnehmenden Beobachters, der dann das Familienalbum über sich und Istanbul befragte und in vielen historische Aufnahmen aus Sammlungen und Archiven nach weiteren Erzählungen fragte. Das waren neben Stadtansichten und ihrer Architektur immer auch die Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung. Istanbul als Stadt zwischen Tradition und Moderne, mit ihren reich verzierten Palästen und Moscheen neben tristen Betonkulissen, Designerfassaden und Elendsvierteln ist natürlich ebenfalls ein Thema, auf das Ehlers den Istanbul Kenner anspricht. Dazu das Gefühl von Zerrissenheit, das diese Gegensätze hervorrufen. Doch Pamuk betont hier mehr die lebendige Atmosphäre, anstatt den Blick des Soziologen einzunehmen, der eine gesellschaftspolitische Anamnese über Istanbul vornimmt. Sein Blick ist der des Lebenskulturforschers und des Sammlers von Erfahrungen, die in den fotografischen Momentaufnahmen eine erzählerische Kraft entfalten, die auch Widersprüche und Gegensätze aushält.

Pamuk und sein Übersetzer Recai Hallac lesen einen Ausschnitt aus dem Vorwort über die Erinnerungen und die Bilder aus einer Stadt. Zu den Erinnerungen des jungen Fotografen gehörte auch die Frage, was seine Fotos bedeuten sollten und warum er sie überhaupt machte. „Wenn wir in die Kamera blickten, posierten wir gleichsam für die Menschen, die Monate und Jahre später die Aufnahmen sehen würden“ resümiert Jahrzehnte später der Sammler und Chronist von Bilderwelten. „Wir posierten also für die Zukunft“. Ihm geht es wie dem Schriftsteller in der Begegnung mit seinen Romanfiguren, der das, was er lebt und erlebt, festhalten möchte.

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