Deutsches Theater

Auf Höflichkeiten hat Lucie keinen Bock, auf charmanten Small Talk schon gar nicht. Dabei hat sie gerade das Wohnzimmer ihres Nachbarn unter Wasser gesetzt. Thomas lässt sich einfach nicht abwimmeln. Jetzt fragt er sie bereits über ihr Leben als Autorin aus und serviert ihr wenig später auch noch ein köstliches Abendessen zwischen Bergen von Manuskripten und alten Zeitungen.

Das viele Altpapier, das sich auf Lucies Arbeitstisch und auch drum herum im Bühnenbild von Johannes Frei stapelt, sagt schon einiges über ihre Verfassung aus. Die gefeierte Autorin hat eine Schreibblockade, nachdem sie alle Katastrophen ihres Lebens literarisch erfolgreich beackert hat, die alkoholkranke Mutter wie das erste Ehedrama. Jetzt ist sie scheinbar mit einem erfolgreichen Schauspieler glücklich verheiratet, ihre Bücher sind gefragt und sogar ein Theaterstück. Nur woher den Stoff nehmen, wenn weit und breit keine Katastrophe und kein privates Drama in Sicht ist? Was dagegen ihren Nachbarn betrifft, der sich auch sehr fürsorglich um andere Nachbarn bemüht, vermag die wachsame Lucie, die sich am liebsten zu Hause verkriecht, überhaupt nicht abzuschätzen. Sein Frikassee, nach Mutters Rezept, das drei Stunden lang geduldig köchelte, ist jedenfalls köstlicher als die Pizza vom Bringdienst, die der fürsorgliche Nachbar naserümpfend einfach aus dem Fenster wirft.

Der wütende Protest von Mirjam Sommer fällt schon nicht mehr so abwehrend genervt aus und Nikolaus Kühn scheint in den vielen kleinen Wortgefechten so leicht auch nichts aus der Ruhe bringen. Sein Thomas kann Lucies literarischen Tragödien zwar nicht viel Humor abgewinnen, aber immerhin, für die Premiere ihres Stückes hat er sich bereits Karten gesichert. Nach all den locker lässigen Pointen, die die nachbarschaftlichen Begegnungen schon fast romantisch beflügeln, löst diese Nachricht eine regelrechte Schockwelle aus. Jetzt schreitet das widersprüchlich widerspenstige Paar, das sich bislang so schön umlauerte und die gemeinsamen ironischen Attacken genoss, zur Tat. Wenn die Realität keinen passenden Stoff auf Lager hat, muss eben die Fantasie herhalten. Vielleicht für eine Verwaltungsphobie und unbezahlte Rechnungen, die Lucies Mann in den Ruin treiben würde, wenn er nur nicht so generös strahlen würde über ein neues gemeinsames Kapitel, frei von Familienerinnerungen und Grundbesitz. Die Idee einer Affäre funktioniert viel besser, nur dass der gefeierte Schauspieler jetzt ein gewaltiges Eifersuchtsdrama inszeniert und nicht nur eine Bühnenfantasie.

„Alles was Sie wollen“, die Komödie des französischen Dramatiker-Duos Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière nimmt ständig neue trickreiche Wendungen. Die funktionieren auf der DT-X Bühne umso wirkungsvoller, weil sich Regisseur Georg Münzel mit seinem Schauspielpaar in ein Labyrinth von Zwischentönen vertieft, um damit feinsinnig und wunderbar subtil zu jonglieren. Mirjam Sommer und Nikolaus Kühn lassen sich zunächst auch nicht in die Karten gucken, was ihre Figuren umtreibt und was sie sich dabei alles vorspielen, um mögliche Sehnsüchte nicht preiszugeben oder auch das Gefühl von Einsamkeit.

Diese Lucie ist vielleicht doch nicht nicht nur eine genervte Dramatikerin, die in ihrem Frust badet und sich nur schwer aus der Reserve locken lässt. So wenig wie den fürsorglichen Thomas die launigen ups und downs seiner Nachbarin in seinem Alltag nur anregend unterhaltsam inspirieren. Die Fassaden bröckeln nicht so bald, und wann immer die Zuschauer auf romantische Fortschritte spekulieren, werden sie erneut ausgetrickst. Man kann sich nie so ganz sicher sein, auch nicht in den musikalischen Momentaufnahmen, wenn sich zwischen den Szenen die Bühne verdunkelt und Bachmotive in den Jazzarrangements des Jacques Loussier Trio erklingen. Ob sie jetzt eine nachdenkliche Spur bestärken, die das Paar beschäftigt, oder ob sich darin nicht bereits eine weitere turbulente Variante dieses lebhaften Duells ankündigt.

Das mit der Stückidee klappt prima, und so unglücklich scheint Lucie über das unbeabsichtigte Ende ihrer Ehe nicht zu sein, nur dass Thomas sich jetzt weigert, darin überhaupt vorzukommen, und dass sein ganz persönliches Drama über den Tod seiner Frau auf der Bühne nichts zu suchen hat. Gerade noch parodierten Mirjam Sommer und Nikolaus Kühn die literarische Vorlage für einen schön dramatischen Ehekrach.

Dramatisch verschlechtert haben sich wiederum die Aussichten auf ein Happy End für dieses Paar, das so zaghaft und störrisch zugleich aneinander herantastet hat und an sich selbst. Aber auch hier darf sich das Publikum überraschen lassen von einer geistreichen Komödie und einer ebenso geistreichen Inszenierung mit einem tollem Schauspiel Paar, das seine Figuren stark und verletzlich berührbar macht. Mit begeistertem Applaus wird dann auch das Happy End für die Theatermacher gefeiert.

Die nächsten Vorstellungen sind am 18., 22. und 28. Oktober sowie am 6., 15. und 28. November 2018.

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