Literaturherbst

Viel zu langsam viel erreicht

Es geht voran, aber eben nicht nur. 100 Jahre nachdem mit dem Frauenwahlrecht zumindest die politische Entmündigung ein Ende hatte, sondiert Barbara Sichtermann Etappenziele und ihre Vorgeschichten. Der Titel ihrer Sammlung von Essays „Viel zu langsam viel erreicht“, deutet es bereits an, dass die Frauenbewegung sich noch lange nicht auf der Zielgeraden befindet sondern weiterhin auf einem Hindernisparcours. Noch werden Frauen durchschnittlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. In den Führungsetagen bilden sie eine Minderheit und auch in den parlamentarischen Gremien. Sie sind es auch, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf meist zu ihrem Nachteil stemmen müssen. An diese Punkte knüpfte auch die Podiumsdiskussion mit der Autorin und mit Landtagspräsidentin Gabriele Andretta in der Aula des Hainberg Gymnasiums an, moderiert von Jöran Klatt vom Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Sichtermann hatte zuvor das Kapitel „Macht“ aus ihrem Essayband vorgestellt, und dabei auf mächtige Frauen in der Geschichte verwiesen. Elisabeth I. und Maria Theresia beschreibt sie auch als politische Lückenbüßerinnen in den Familiendynastien in Ermangelung männlicher Nachfolger auf dem Thron. Macht, sagt sie, werde den Frauen vor allem in der Familie zugeschrieben, wo sich das Bild der Hüterin von Heim und Herd hartnäckig hält, die in der privaten Sphäre schalten, walten und herrschen mögen – nicht aber in der Öffentlichkeit. Sichtermann nennt die Vorreiterinnen, die bereits während der Französischen Revolution die Öffentlichkeit suchten, um im politischen Diskurs auch für ihre Interessen zu streiten. Doch auch die Frauen, die sich vor hundert Jahren das Wahlrecht erkämpften, waren damit noch lange nicht frei von männlicher Bevormundung, weder in den Parlamenten, noch in der individuellen Lebensgestaltung. Erst 1958 wurde das gesetzlich verankerte Recht des Ehemannes aufgehoben, über die mögliche Berufstätigkeit zu entscheiden. Selbst Annemarie Renger sah sich nach ihrer Wahl zur ersten Bundestagspräsidentin nicht in ihrer Rolle als Frau bestärkt.

Das sieht Niedersachsens Landtagspräsidentin ganz anders, die in der Podiumsdiskussion nicht nur an die Position der früheren Parlamentarierin erinnert, sondern auch an die bösen Blicke und die Anfeindungen, die sie 1998 als Abgeordnete erlebte, wenn sie ihre kleinen Kinder mit in den Sitzungssaal brachte. Mittlerweile, sagt sie, gäbe es nicht nur eine Kita im Landtag, sondern auch ein Eltern-Kind Büro.

Zur Sprache kommen die Kontroversen beim Thema Geschlechterpolitik in der Öffentlichkeit und dass die weltweite „#metoo“ Bewegung viel bewirkt habe. Sichtermann glaubt, dass sie das Bewusstsein für strukturelle Gewalt in der Gesellschaft verändert habe, wo Männer immer noch glauben, mit Frauen so verfahren zu können, wie sie wollen. Dennoch dürfe es nicht dabei bleiben, diese Gewalt sichtbar zu machen, betont der Göttinger Landtagspräsidentin. Es gehe auch um Freiräume, die sich Frauen im Berufsleben und im gesellschaftlichen Alltag erobern müssten: Das gelte genauso für Politikerinnen, die mit den so genannten weichen Ressorts bedacht werden und nicht mit dem Wirtschafts- oder Finanzministerium, wie für Frauen, die bei Bewerbungen immer mehr auf ihre Sachleistung setzen als auf ihre Persönlichkeit und weiterhin glauben, mehr leisten zu müssen als ein Mann. Es gebe so viele mittelmäßig begabte Männer in Führungspositionen, polemisiert Andretta und dass das ja auch nicht gleich der Untergang des Abendlandes sei. Nur dass hier eben gewachsene männliche Netzwerke für die Bewerber stark machen und Frauen diesen Karrierehürden noch viel stärker mit eigenen Netzwerken abbauen müssten.

Die Bilanz über den Prozess der Emanzipation, hundert Jahre nach der Geburtsstunde des Frauenwahlrechts, fällt zwiespältig aus. Es wurde viel erreicht, aber noch lange nicht genug, solange Kinder für Frauen zur Karrierefalle werden und sie die Vereinbarkeit von Familie schultern müssen. Auch hier sei die Gleichstellungspolitik weiterhin gefordert, erklärt die Diskussionsrunde übereinstimmend und stellt auch die bestehenden Leitbilder in den Führungsetagen zur Disposition. Die Vorstellung, rund um die Uhr verfügbar zu sein, weil ihnen eine Hüterin von Heim und Herd zur Seite steht.

Im Anschluss an die Lesung und die Diskussion mit Barbara Sichtermann eröffnete die Göttinger Landtagspräsidentin im Aula Foyer Hainberg Gymnasium eine Plakatausstellung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht. Älter noch als die plakativen Appelle der Parteien, „Gleiches Recht für Mann und Frau!“oder „Da muss Man durch. Frauen können mehr“ ist Andrettas Appell. Sie zitiert die Pariserinnen, die 1789 die die Barrikaden stürmten. „Frauen, wacht auf! Was auch immer die Hürden sein werden, die man euch entgegen stellt. Es liegt in eurer Macht, sie zu überwinden. Ihr müsst es nur wollen.“

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