Literaturherbst

„Laien sind in der Mathematik gut beraten, sich nicht durch das Formelgestrüpp zu hauen“ schreibt Georg von Wallwitz im Vorwort seines Portraits über David Hilbert. In diesem Sinne überraschte er auch das Publikum in der Paulinerkirche zunächst mit einem Zitat aus Goethes Faust. „Zwar weiß ich viel, doch möchte‘ ich alles wissen“. Von Wallwitz betrachtet sich trotz seines Mathematikstudiums als bekennenden Dilettanten. Gleichwohl schätzt er auch das philologische Know How, das nicht nur sein Buch prägt sondern auch den Menschen, dem es gewidmet ist.

Auf den O-Ton Hilberts, der zum Titel seiner biografischen Recherche über den berühmten Mathematiker wurde, „Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt“ kommt er allerdings erst später zu sprechen. Jetzt geht es um sein Credo eines hoch motivierten Wissenschaftlers, der wie viele seiner Kollegen interdisziplinär dachte und forschte und für den Goethes Faust zur Grundausstattung gehörte, den er seitenweise zitieren konnte.

Es ist ein ebenso faszinierendes wie hoch komplexes Kapitel Göttinger Wissenschaftsgeschichte, in das von Wallwitz zum Auftakt des Literaturherbstes Einblick gibt. Und das nicht nur mit Ausschnitten aus seinem Buch, in dem auch ein bisschen Formelgestrüpp lauert. Er macht es besonders seinem Laienpublikum leicht, indem er zunächst Lebensstationen des Mathematikers schildert. Dazu gehörte bereits Studium in Königsberg, wo die Mathematik nicht sonderlich hofiert wurde, so dass Hilbert, sein Studienfreund Hermann Minkowski und der Privatdozent Adolf Hurwitz ihre Denkmodelle und Theorien bei Spaziergängen entwickelten, verfeinerten oder auch wieder verwarfen. Der Autor betont hier auch das Dialogverfahren in der Mathematik, das Hilbert später umso mehr betrieb, als er von Felix Klein nach Göttingen berufen wurde und dort ein Netzwerk von originellen Köpfen zur entwickelte. Es gibt noch einen Exkurs nach Paris, wo Hilbert bei einem Kongress mit einem Vortrag Aufsehen erregte, indem er eine Liste von 23 Problemen aufstellte, die die Mathematik im 20. Jahrhundert lösen müsse.

Wenn von Wallwitz nun aus seinem Buch liest, dann immer auch im Kontext der Zeitgeschichte. Dabei steht eben nicht nur die Tatsache im Mittelpunkt, dass Hilbert in Göttingen die bis heute bedeutsame formalistische Auffassung von den Grundlagen der Mathematik begründete und eine kritische Analyse der Begriffsdefinition der Mathematik und des mathematischen Beweises veranlasste. Auch dem Netzwerker Hilbert ist ein Kapitel gewidmet, wie er beispielsweise einen Lehrstuhl für angewandte Mathematik für seinen Freund Hermann Minkowski durchsetzte. Anekdotenformat hat wiederum die Begegnung mit Albert Einstein und der gemeinsame wissenschaftliche Wettstreit um die Gravitationstheorie, wo der Göttinger Mathematiker die Berechnungen des theoretischen Physikers mit dem Worten „falsch aber interessant“ kommentiert haben soll. Von Wallwitz löst nun auch das Rätsel um den Titel seines Hilbert Portraits „Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt“. Die Professur Emmy Noethers konnte er in der Dekanatssitzung zwar nicht durchsetzen. Dafür löste er die Genderfrage auf seine Weise, in dem er eine Vorlesung ansetzte und die brillante Mathematikern an seiner Stelle dozieren ließ, um sich für den Rest des Semesters einfach für krank zu erklären.

Im Gespräch mit Moderator Eberhard Bodenschatz vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation streift von Wallwitz auch das Kapitel Göttinger Wissenschaftsgeschichte, mit dem nicht nur das Göttinger Mathematische Institut seine Weltgeltung verlor. Nach Hitlers Machtergreifung und dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums setzte nicht nur der Exodus der jüdischen Mathematiker ein. Hilbert verfasste zahlreiche Empfehlungsschreiben für seine originellen Köpfe, die dann sein Lebenswerk in den Vereinigten Staaten fortsetzten – und erklärte dann sein mathematisches Institut für nicht mehr vorhanden.

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