Archäologisches Insitut

Wenigstens einmal im Leben hätte er gern die Ruinen von Athen gesehen. Der Wunsch des Begründers der klassischen Archäologie sollte sich nicht erfüllen. Eine Frauenstimme beschwört die Gestalt, die auf der Treppe des archäologischen Institutes immer wieder zusammenbricht, mit ihrem leisen Gesang. Doch es ist nur noch ein müder Körper, der jetzt am Boden seine Schwermut beklagt und die Strapazen einer Reise nach Deutschland, die bereit in Regensburg endete und ihn über Wien nun wieder nach Rom führen sollte.

Johann Joachim Winckelmann kam dann nur noch bis Triest. Dort nimmt auch das dramatische Portrait seinen Anfang, das Götz Lautenbach dem berühmten Altertumsforscher widmete und mit Roman Kupisch inszenierte. Tödlich endete die Begegnung Winckelmanns mit seinem Triester Zimmernachbarn, der ihn nach einem Raubüberfall verbluten ließ.

Mit der Frage „Warum?“, bedrängt Lautenbach jetzt Philipp Schlöter, der ihn im Institutsfoyer in einen Zweikampf verwickelt. Die Frage gilt auch dem Sehnsuchtsmenschen, in den der Schauspieler bei seiner dramatischen Performance hinein lauscht. Warum konnte nur die antike Kunst zu dem Ort werden, an dem Winckelmann leben mochte? Warum fand er das Wesen der Schönheit in antiken Statuen verewigt, als er sich den idealisierten Formen und Proportionen anvertraute. Wie sehr erschöpfte sich der homosexuelle Winckelmann, der sich eben nicht nur wissenschaftliche Anerkennung für seine Forschung erhoffte, nachdem er einen Ruf nach Rom erhalten hatte. Was bewegte den Aufseher der Altertümer des Vatikans, zu dem ihn Papst Clemens XIII berufen hatte. Und wie zerrissen fühlte sich 1763 der Autor der „Abhandlung von den Fähigkeiten der Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in derselben“.

Die Zuschauer begleiten Lautenbach nun in den Hörsaal und an die frühen Stationen einer lebenslangen Odyssee. Der Hauslehrer, Bibliothekar und Konrektor Winckelmann, der Philipp Schlöter als Schüler Lambrecht mit griechischen Vokabeln und Übersetzungen traktiert, ist mit seinen Gedanken ganz woanders. Bei seiner heimlichen Liebe zu Lambrecht und wie sehr ihn alles jugendlich Schöne zutiefst berührt und umso empfindsamer machte für die Freiräume in antiken Körpern, deren Schönheit kein Zwang verhüllte.

Jetzt lockt der Schwärmer sein Publikum wieder ins Treppenhaus bis hoch zum Parthenonsaal, wo sein Winckelmann neben den Kunstschätzen und den Gartenparadiesen auch das freizügige römische Klima genießt und das Savoir-vivre mit seinem jugendlichen Gefährten. Er weiß die Gipsabdrücke an seiner Seite, die göttlichen Gestalten einer Aphrodite, einer Diana oder einer Pallas Athene und auch diese erhabenen Torsi in denen sich für ihn Kraft und Sinnlichkeit vereinigten. Dabei gönnt Lautenbach den betrachtenden Zuhörern auch ein kulinarisches Intermezzo. Da der päpstliche Kunstkonservator Brokkoli schätzte, bittet der Schauspieler seine betrachtenden Zuhörer zur Tafelrunde mit Gemüsegedeck. Er erzählt dabei von den Kämpfen eines wissens- und erkenntnishungrigen Gelehrten, gern auch auf dem Tisch und in tänzerischer Beschwingtheit, wie er sich in langen Nächten durch die Kunstgeschichte ackerte, um endlich die antike Ästhetik zum idealen Vorbild zu erklären, das es unbedingt nachzuahmen gelte. Der Sehnsuchtsmensch wünscht sich weiterhin die „schöne Gesellschaft eines Individui“ , auch wenn er sie jetzt nur noch im Torso eines Apollo wahrzunehmen glaubt und in den steinernen Relikten stilisierter Körper, diesem Ausdruck vollendeter Schönheit, der die Realität nichts anhaben kann.

Die antiken Gipsabdrücke verbergen keinen ihrer Risse, Splitter oder Bruchkanten. Anders als bei Winckelmann, dessen zerbrechliche Hülle sich vor allem zwischen den Zeilen mitteilt. Die in Marmor, Stein und Gips geborgenen Schönheiten würden nie altern so wie er und keine hässliche Patina bekommen. Sie würden sich auch nie die jugendliche Attraktivität und Frische zurückwünschen wie ihr gelehrter sterblicher Liebhaber, der am Enden nur noch sie umarmt. Lautenbach hat sein Winckelmann Portrait aus kunsttheoretischen Texten, privaten Notizen und Korrespondenzen geformt. Zusammen bilden sie ein vieldeutiges Mosaik, in dem sich die Zerrissenheit eines Menschen spiegelt, der für sich nie zu der Harmonie zwischen Körper und Geist fand, die zum Credo seiner Studien wurde. In diesem Sinne versteht sich auch der Titel dieser theatralen Recherche „Komm und sieh die Stadt der Freiheit!“, die in dem Sehnsuchtsmenschen Winckelmann auch die Stimme eines Freiheitskämpfers sprechen lässt, der auf die schöpferische Freiheit vertraute und auf eine Kunst, die sich von der beengenden Realität zu emanzipieren vermochte.
Umgeben von einem Wald von Statuen trotzt er nun seinen akademischen Kritikern, die ihm vorwarfen, dass er in seinen Studien mit den Fakten etwas sehr willkürlich verfahre. „Es ist sehr viel leichter, zehen Werke von der Moral als eine einzige Geschichte der Kunst zu schreiben“. Er mokiert sich über eine eselsmäßige römische Regierung und ihre Verhüllungspläne für die allzu backten Statuen im Belvedere und fürchtet auch die Reise in das Land des preußischen Despotismus, die dann in Triest enden sollte und nicht in Athen.

Das Theaterstück begleitend zur Ausstellung „Schönheit & Wissenschaft - Winckelmanns Archäologie der Kunst“ ist noch am 7. und am 14. Oktober 2018 jweils um 16 Uhr im Archöologischen Institut zu sehen. 

UPDATE: Es gibt zwei Zusatzvorstellungen am 4. und am 11. November, jeweils um 16 Uhr
Karten sind erhältlich im Archäologischen Institut (Tel. 0551 39-7502), in der Tourist-Information (Altes Rathaus) und an der Abendkasse.

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