ThOP

Prolog für drei Schauspielerinnen

„Zukunft für immer“ hat der Dramatiker Martin Heckmanns seinen Prolog für drei Schauspielerinnen genannt. Dabei verspricht der Stand der Dinge kaum rosige Aussichten für die drei gestandenen Bühnenarbeiterinnen, die dabei noch einiges an Altlasten schultern. Auf der Spielfläche des ThOP haben sie nicht gerade viel Spielraum mit der kleinen Probebühne, einem schwarzen Vorhang im Rücken und der DDR Flagge. Wende und Wiedervereinigung sind nun mal in die Jahre gekommen, ebenso wie die Hammer- und Sichel-Ära zuvor. Das könnte zu einer frustrierenden Bilanz führen. Doch wer meint, dass die Inszenierung von Matto Jordan jetzt auf ein sentimentales Lamenti zusteuert, wird an diesem Abend vom Feinsten ausgetrickst.

Drei langjährige Protagonistinnen des Dresdener Staatsschauspiels hatte Heckmanns befragt und daraus einen widerspenstigen Chor der Stimmen destilliert. In seiner dramatischen Widmung für Helga Werner, Vera Irrgang und Regina Jeske geht es natürlich um große Rollen und das Lampenfieber der verschüchterten Anfängerin, um strapaziöse Proben und immer noch bewegende Bühnenereignisse. Aber es geht dabei auch um ein Theater, das sich nicht immer vorschriftsmäßig in den gesellschaftlichen Alltag einmischte und um Erfahrungen mit Stücken, die der Wahrheit auf den Grund gehen wollten. Gleichzeitig fragen Rose Wimmer, Monika Giro und Heide Koltermann auf der ThOP-Bühne ständig, was da eigentlich gespielt wurde und immer noch wird und was das mit dem Leben ihrer Figuren mit ihnen zu tun hat. Die Falten werden mehr, die Rollen weniger, die Arthritis nervt und die Herzrhythmusstörungen. Aber das ist noch lange kein Grund, jetzt über den Vorruhestand nachzudenken.

Das Lied, dass die drei ThOP- Frauen über „blaue Wimpel im Sommerwind“ anstimmen und über „die liebe Heimat und ihre Weiten“ klingt schon ein bisschen komisch Aber wenn dann aus dem Fundus die Obrigkeit mit einem Militärmantel für die sozialistische Arbeiterkampfkultur herbei zitiert wird, mutet das nicht minder komisch an. Die Zuschauer können sich auch nie ganz sicher sein, ob nicht mal wieder der komödiantische Blick überwiegt, weil sich hier nun mal drei Schauspielerinnen einen Reim auf den Gang der Ereignisse machen. Schließlich spielen sie ja mit ihnen auf der Bühne und nicht im Gespräch mit Soziologen oder anderen zeitkritischen Chronisten. In diesem Sinne stiften ihre Wortwechsel immer wieder gern Verwirrung. Das könnten jetzt auch Sätze aus der Dramenliteratur sein, die einfach hängen geblieben sind oder Reflektionen über eine Figur, die ein Stück Lebenserfahrung darstellen. Aber die haben an diesem Abend ebenso ihre Bedeutung wie die kleinen Zickereien und Eifersüchteleien, der eitle Blick in den Spiegel und die Pose, die die Konkurrentin bei den Proben auf ihren Platz verweist. Schwärmen ist natürlich auch erlaubt, sich ein bisschen in der Verklärung von Erinnerungen sonnen. Das Spielen, Verstellen, Übertreiben und Tarnmasken aufsetzen gehört einfach dazu und natürlich auch ein Fundus an Kostümen und Requisiten, nachdem der schwarze Vorhang samt DDR-Fahne bei Seite geräumt wurde.

Dass sich davon eine Menge auf den Alltag und die Lebensumstände überträgt, beschäftigt die drei Bühnenarbeiterinnen ständig. Schließlich betrachten sie hier auch ihr ganz persönliches Schauspiel in seinen komödiantischen und tragischen Dimensionen. Dass ihr so genannter „Dienst am Gemeinwesen“ nicht mehr gefragt war als das System kollabierte und die Beschwörungsformel „ wir sind das Volk“ die Massen mobilisierte. Der strahlende Blick, als jeder Satz in Heiner Müllers „Umsiedlerin“ einen Treffer versprach, verdüstert sich nachdenklich. Nachdem das Theater schon bald vor allem auf der Straße stattfinden sollte wurde schließlich auch der allen so vertraute subversive Diskursraum Bühne abgewickelt. Wozu also noch die ganze Emphase, wenn die Zuschauer vom Theater jetzt vor noch Ablenkung und angenehme Abendunterhaltung erwarteten.

So ganz nebenbei rechnen die drei Schauspielveteraninnen auch mit der Theaterästhetik der Nachwendejahre ab, mit der Postdramatik, den gefeierten Egoshooter Regie-Ikonen und all den Befindlichkeitsproben, in denen sich die Botschaft des Stückes zu verflüchtigen drohte. Zu schaffen macht ihnen gleichzeitig die schöne Konsumentenwelt mit ihren kapitalistischen Krämerseelen und Beutegeiern. Ich lasse mir noch keine Bedürfnisse einreden, empören sie sich einverständlich. Dann schon lieber noch mal wie Elektra sein dürfen, rasen vor Wut und Rache nehmen an all dem Unfug.

Regisseur Matto Jordon gibt seinen Bühnenheldinnen nicht nur viel Raum für lakonisch ironische Zwischentöne als kreative Zeitchronistinnen Sie spielen auch drei Frauen, die nach unzähligen Rollen mit Selbstzweifeln, nervigen Proben und missratenen Inszenierungen ein bisschen erschöpft sind und trotzdem keine Ruhe geben wollen Noch sind sie in Auf- und vor allem in Ausbruchstimmung, und das vor allem auf der Bühne. Da haben die Figuren schließlich auf sie abgefärbt und auch die Verhältnisse und tun es immer noch. Aber was jetzt Schein ist und was Sein, das ist eben die große Frage, die sie weiterhin beschäftigen wird und nicht nur die magere Rollenausbeute trotz anhaltend schöpferischer Neugier mit schwächelnden Knien und kleinen Kurzatmigkeiten. In diesem Sinne könnte man Heckmanns aufrührerischen Protagonistinnen in dieser Inszenierung auch einen Satz des italienischen Dramatikers Luigi Pirandello zuschreiben. So wie sich der Theaterdirektor in seinem Stück „Sechs Personen suchen einen Autor“ mit den Worten Luft macht. „Spiel! Wirklichkeit! Zum Teufel mit euch allen! Licht! Licht“ 

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