boat people projekt

Die Angler am Leinekanal trotzen dem Nieselregen in Neonfarben. Sie haben als Köder kleine bunte Gummistiefel, mit denen sie vielleicht auch einen guten Fang machen. Am Christian-Gottlieb-Heyne-Ufer kommt es zu einer weiteren Begegnung bei diesem szenischen Spaziergang mit dem Boat People Projekt. Dort haben sich drei Meerjungfrauen niedergelassen. Für die Passanten gilt der mahnende Hinweis auf den Pappschildern: „Bitte nicht schubsen.“ Dazu kommt es natürlich nicht, denn Nina de La Chevallerie, die Leiterin dieser theatralischen Erkundungsreise durch die Göttinger Innenstadt, eilt bereits voraus.

Den ersten dramatischen Zwischenstopp gibt es erst am Innenhof der Düsteren Straße, wo eine Heerschar von Köchen das Publikum einlädt, gemeinsam die Universität der Gastronomie zu eröffnen. Zunächst lassen sie gegensätzliche Wortpaare kursieren, wo es um die Qual der Wahl geht. Zwischen Erfolg und Daneben, Gefunden und Verloren, Eilen und Verweilen, Honig und Salz, Hoch und Tief, Essen und Trinken, Diener und Herren werden die Stimmen immer lauter, bis sich eine Gestalt zu Wort meldet. Die erklärt sich jetzt zur Königin und vereint den widerspenstigen Chor zu einem fröhlichen Chaos, das jetzt eben draußen stattfindet und nicht zwischen bayrischen Spezialitäten und Cocktails wie den benachbarten gastronomischen Treffpunkten.

Die Theatermacher fahnden auf dieser szenischen Odyssee vor allem nach Geschichten, wie sie alte Mauern, gruftige Gewölbe, schlichte Klinkerfassaden und Hauseingänge zu erzählen haben und dann kreativ inspirieren. So wie zum Beispiel das Holbornsche Haus, das nun ein bisschen in Bewegung gerät. Das Foyer ist voller Papierschnitzel. Reste davon haften nicht nur an der Tänzerin, die jetzt den Raum erkundet. Schon bald wird sie von Gestalten beobachtet und bedrängt, die sich komplett in alte Zeitungsreste eingehüllt haben und immer wieder von Ängsten flüstern. Ein dumpfes Grollen durchdringt den Raum, als ob jetzt gleich ein paar dunkle Geister aus den Mauerritzen hervorkriechen und ein bisschen Gruselstimmung verbreiten. Doch dann zerreißen die Tänzer ihre Papierhüllen und erscheinen wie befreit von den Nachrichten und Schlagzeilen, die darin alltäglich lauern und aufstören. Sie begegnen einander in Blicken und Gesten wie eine verschworene Gemeinschaft, die sich bald auf einen Ausweg aus dieser seltsam bizarren Traumwelt verständigt.

Abenteuerlich, fantastisch und auch ein bisschen verrückt wird jetzt der Innenhof der Göttinger Stadtbibliothek belebt und zur Filmkulisse erklärt. Zwei Reporter auf der Suche nach spektakulären Nachrichten treffen in der Gotmarstrasse auf viele schräge Vögel und ihre seltsamen Geschichten. Zum Beispiel die von lila Kühen, die hinter der Hauswand mit den vermauerten Fenstern ein paradiesisches Leben mit Sauna und Schwimmbad genießen und von ihren Hüterinnen auch gern mit Pizza, Bürger und Gyros beköstigt werden. Den drei Youngers, die ihr verjüngendes Wasser anpreisen, trauen sie zwar nicht so recht über den Weg. Hellhörig werden sie trotzdem, wenn eine junge Frau ihnen ihre traurige Liebesgeschichte erzählt und auf die geheimnisvollen Zeichen an der Hauswand deutet. Die Botschaft ist eindeutig, die Aliens sind auf dem Weg nach Göttingen und werden am 2. Oktober landen. Das bestätigt auch die Wächterin am Hofeingang zur Stadtbibliothek, die hier den Zugverkehr regelt und darauf achtet, dass niemand die Gleise betritt. Die Zuschauer müssten eigentlich längst Bescheid wissen. Schließlich haben sie ja ein rotes Flugblatt mit dem Hinweis bekommen „Sie kommen! 2. Oktober.“ Sie sollten auch die Geschichte der jungen Frau glauben, die sich fast so abgespielt hat, wie die von der geheimnisvollen Cecilie, die unsterblich in einen jungen Dichter verliebt war.

Jetzt heißt es allerdings schnell beiseite gehen und die Landebahn für das Raumschiff freigeben, das sich mit lautem Getöse ankündigt, während an der Hausfassade wieder dieses rätselhafte Graffiti von der Hausfassade in der Gotmarstraße eingeblendet wird und ganz plötzlich wieder verschwindet. Die Aliens haben offenbar besseres vor, als sich ausgerechnet in Göttingen niederzulassen. Vielleicht auch, weil die Stadt ja bereits ausreichend Stoff für abenteuerliche Begegnungen bietet, wie sie das Boat People Team für diesen szenischen Streifzug imaginiert hat. Der Titel „Open the Outside“ soll natürlich auch neugierig machen auf zwei weitere Exkursionen, bei denen die Episoden vielleicht einen ganz anderen verrückten, absurden oder auch rätselhaften Verlauf nehmen. Sei es, dass die lila Kühe dann an der Baustelle weiden oder die Meerjungfrauen endlich einen besseren Ort als den Leinekanal für sich entdeckt haben. Die Zuschauer dürfen sich erneut überraschen lassen von dem, was die historischen Mauern des Holbornschen Hauses noch für Geheimnisse bergen und ob die Aliens einen weiteren Landeversuch wagen. Das Trauerspiel um die romantische Cecilie und ihren Dichterfreund ist schließlich auch keine Erfindung. Das bezeugen die beiden Schilder an der Gotmarstraße 3, wo an „die bezaubernde Rose“ Cecilie Tychsen und den Poeten Thomas Christian Tychsen erinnert wird, die dort vor mehr als 200 Jahren lebten, die Fantasie der Theatermacher beflügelten und dann natürlich die der Zuschauer.

Durch und Gang kursieren jede Menge Wortpaareor als ob es gleich zu einer gastronomischen Kampfabstimmung kommt. Die findet dann auch tatsächlich statt, aber anders als erwartet. Das Boat People Team hat für sein Projekt nicht nur Tänzer, Autoren, Videokünstler und Musiker eingeladen, Ideen für Gebäude, Straßenzüge und Treffpunkte zu entwickeln sondern auch Göttinger Bürger, die bei der Erkundung der Schauplätze mitwirken.

Ein szenischer Spaziergang folgt noch am 6. Oktober: Treffpunkt ist um 19 Uhr am Waageplatz

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