werkgruppe 2

Der optimistische Blick verbraucht sich nur ganz allmählich und sehr langsam. Immer wieder lächelt Elisabeth-Marie Leistikow, wenn sie sich Ahmad Kiki zuwendet. Noch sind Beate und Asan ein Paar, das den Anfeindungen und Gehässigkeiten ebenso trotzt wie den Hindernissen, die sich vor ihnen auftürmen, aber wie lange soll das gut gehen? Im Saal der Gaststätte Museumskrug in Obernfeld türmen sich zunächst nur die Bierkisten, auf denen das Paar über die ersten Bruchstücke seiner Geschichte spricht. Auch dabei hatten ihnen zuvor die Theatermacher der „Werkgruppe 2“ zugehört, um sie über fast zwei Jahre lang zu begleiten und aus ihren Erzählungen ein dokumentarisches Schauspiel zu entwickeln.

Die junge Erzieherin und der kurdische Flüchtling aus Syrien hatten sich in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge kennengelernt. Asan ist älter als 17, für die er zunächst vorgibt. Trotzdem muss Elisabeth mit juristischen Konsequenzen rechnen. Ihr Jahresvertrag wird erst mal nicht verlänger. Jetzt, wo sie ungewollt schwanger geworden ist, bleibt dem Paar eigentlich nur eine Möglichkeit, um weiterhin zusammen zu sein. Sie ziehen zu Beates Eltern, die in einem kleinen thüringischen Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze leben.

Soll das Kind getauft werden? Sollte Asan sich nicht erst mal um seinen Schulabschluss kümmern oder ist der Job im Straßenbau für ihn nicht besser, weil er davon auch seine Familie unterstützen will. „Wir kriegen das schon hin“ versichert Beate, auch wenn das Elterngeld natürlich hinten und vorne nicht reicht. Davon bekommt die Dorfgemeinschaft wenig mit. Aber was diesen fremden Neubürger angeht, der ja wohl in der Gaststätte ganz gut zupacken kann, macht man sich doch lieber seinen eigenen befremdenden Reim. Auch über die so genannte Flüchtlingswelle, die zum Glück anderswo stattfindet und um die man sich sowieso in der Stadt besser kümmern könne als auf dem Lande. Das befindet zumindest der Bürgermeister, der stolz auf die Meriten der Nachwendezeiten verweist, die Nähe zur A 38, das Breitbandnetz, die Versorgung mit Kindergartenplätzen und dass jetzt sogar die Feldwege solide betoniert werden können. Nur zu den AfD-Wählerstimmen will ihm außer einem „Naja“ nicht so recht was einfallen.

Eine Reihe von Stecken mit Masken und Körperhüllen flankieren den Zuschauerraum. Mit ihnen lassen die beiden Schauspieler die teilnehmenden und teilnahmslosen Beobachter zu Wort kommen, die Regisseurin Julia Roesler und Dramaturgin Silke Merzhäuser neben dem Bürgermeister ebenfalls befragt haben. Den Pfarrer zum Beispiel, der sich in islamistische Drohgebärden versteigt oder Beates Patenonkel, der sich als Zugereister ja schließlich auch erst mal in die dörfliche Gemeinschaft einpassen musste. Die Kneipengäste stoßen ganz gern auf Hitlers Geburtstag an und genießen die Provokation. Am Stammtisch dürfe man ja wohl mal über die Silvesternacht in Köln ablästern und die Türken, die man allzu gern in einem Waggon in ihre alte Heimat verfrachtet hätte. Asan ist vielleicht nicht der Schwiegersohn, den sich Beates Vater wünschte. Aber die Familie liebt ihn jetzt wirklich, versichert Elisabet-Marie Leistikow hinter dessen Maske, während Ahmad Kiki von den mütterlichen Sorgen erzählt, von dem Gerede und Getuschel im Dorf und dass sich immer mehr Verwandte und Freunde abwenden.

Verändert hat sich inzwischen auch die musikalische Atmosphäre. Auf der Bühne kommentieren Sängerin Esra Dalfidan und Schlagzeuger Uli Genenger die Chronologie der Erzählungen und der Ereignisse mit Liebesliedern. Zum Fasching mit Konfetti und einem tanzenden Paar ist die Stimmung noch mal heiter beschwingt. Doch dann breitet sich auch zwischen den Trommelschlägen eine traurige Melancholie aus und in den Melodien klingt auch etwas von der Erschöpfung an, die dem Paar mehr und mehr zu schaffen macht.

Über den Köpfen der Zuschauer wird eine riesige Plane ausgebreitet, die sie wie ein Zelt umhüllt. Dort, wo zuvor die Kneipengäste über den Neonazi in der Nachbarschaft schwadronierten, der ja eigentlich ein ganz vernünftiger Kerl sei, mit dem man auch vernünftig reden könne, wird eine Karte für Asans Heimatgeschichte eingeblendet. Mit Bildern von Bombenkratern und zerstörten Städten, traumatischen Flash Backs und den Erzählungen eines jungen Mannes, der keinen Schließbefehl erfüllen konnte und sich so sehr nach seiner Familie sehnt. Aber was soll werden, wenn es mit dem Familiennachzug nicht klappt, wenn Asan es in Deutschland einfach nicht mehr aushält, so angepasst und verschlossen, dass ihn nur ja niemand dafür haftbar macht, was ihn innerlich bewegt. Und was für ein Zusammensein erwartet das Paar, wenn sich Beate nicht vorstellen kann, in Syrien zu leben, sollte der Krieg dort irgendwann enden. Auch die pragmatischen Argumente Beates hat das Team der Werkgruppe 2 protokolliert. Dass es besser wäre für Asan, irgendwann eine Frau zu heiraten, die von seinem Vater akzeptiert wird und dass er seinen Sohn ja jederzeit besuchen könne.

Das Lächeln aus den Gesichtern der beiden Schauspieler hat sich endgültig verflüchtigt. Für den Moment verblassen auch die oberflächlichen, oft so ignoranten und unterschwellig gehässigen Kommentare der Dorfgemeinschaft, Julia Roeslers Inszenierung geht weit über die Form des dokumentarischen Erzähltheaters hinaus. Das Schreckliche an der Realität, wie sie sich „Im Dorf“ widerspiegelt, meint eben nicht nur Vorurteile, rassistische Aussetzer, unterschiedliche Erfahrungswelten oder die Frage, wie eine gemeinsame Verständigung darüber gelingen kann. Dieser Abend erzählt noch so viel mehr über ein Paar, dass bei all den Hindernissen, die es bewältigen will und muss, einfach allein gelassen wird. Da ist kein Zuspruch in Sicht und auch keine Ermutigung. Vielleicht ist das ja auch ein Thema, das bei den Publikumsgesprächen zur Sprache kommt, die die Werkgruppe 2 bei ihrer Tour durch die Dörfer der Region nach den Vorstellungen führen möchte. Dass es in der Geschichte von Beate und Asan auch um mangelnde Anteilnahme und Empathie geht und darum, dass Gegensätze, Unterschiede und Kontraste das gemeinsame Leben mit gemeinsamer Hilfe bereichern können, im Dorf und anderswo.

weitere Vorstellungen:
18.10. Wehnde
19./20.10. Lenglern
25.10. Gladebeck
26.10. Siemerode
27./28.10. Rüdershausen
03.11. Ecklingerode
04.11. Ferna
15.11. Jützenbach
16./17.11. Nesselröden

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