Literaturfest Niedersachsen

„Natürlich passen Literatur und Essen zusammen. Beides ist Genuss.“ So brachte der sympathische Chefkoch Frank Schaumberg diese Beziehung auf den Punkt. Zum Abschluss des Literaturfest Niedersachsens wurden kulinarische Stücke zu literarischen Gerichten in der Lokhalle serviert, gewürzt mit einer Prise Musik. Der renommierte Literaturkritiker Denis Scheck und die Redakteurin Anne-Dore Krohn übernahmen die Moderation der Veranstaltung. Sie legten einen roten Faden durch die sechs vorgestellten Texte, fühlten dem Koch und den Musikern auf den Zahn und präsentierten Zitate rund ums Essen aus der Literatur, von Bibel bis zum Suppenkasper. Das Vorlesen überließen sie vorwiegend der ausdruckstarken Stimme der Schauspielerin Julia Hansen.

„Beim Häuten der Zwiebel“ des „Göttingers“ Günther Grass war der erste Programmpunkt. Seine Beschreibung des Kochkurses im Kriegsgefangenenlager war eine Hommage an die beispiellose Erklärungskraft des Kochs, die die Abwesenheit der Zutaten vergessen ließ. Doch diese phantasiebeflügelnde Beschreibung der Rezepte für Blutwurst oder Schweinesülze waren nicht unbedingt ideal in Antizipation einer Mahlzeit. Auch der zweite, humoristische Text von Donna Leon, „Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken“, über die von ihrer Mutter verbrochenen Albtraumgerichte ihrer Kindheit, war zwar unterhaltsam, aber der Vorfreude aufs Essen nicht dienlicher.

In diesem Sinne musste Frank Schaumberg besonders überzeugen. Er und sein Team an Köchen und Kellnern servierten den gut 300 Gästen ein sinnliches 3-Gänge-Menü. Nach einem einleitenden Vorspeisenteller mit einer Vielzahl an Geschmackseindrücken, wurde der Rinderrücken serviert, ein perfekt gegartes, aromatisches Stück „Hmm“. Die Erbsen-Minz Küchlein in der veganen Variante standen dem Fleisch sicher in nichts nach. Dass die Gäste trotz des üppigen Hauptgangs auch noch beim Dessert zuschlugen, sprach Bände für den dritten Gang. Tafelmusik gab es von „Quadro Nuevo“. Das Quartett beglückte mit der Vertonung von Gewürzen aus ihrem Album „Songs of Spices“. Die jazzigen Sounds von Paprika und Knoblauch rundeten die Gaumenfreuden stimmig ab.
Zwischen den Gängen und im Anschluss hörte das Publikum noch weitere Texte. Ein Ausschnitt von Vincent Klinks „Ein Bauch spaziert durch Paris“ beschrieb das Silvesterdinner mit dem ablebenden französischen Präsidenten. In Bill Bufords Text „Hitze: Abenteuer, eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chage, Pastamacher und Metzgerlehrlings“ ging es um seinen Einblick in die schweißtreibende Tätigkeit des Kochs am Grill. Hervorzuheben ist die expressive Lesung von Julia Hansen, bei der man die Flammen des Grills förmlich fühlte. Schließlich wurde noch aus Douglas Adams „Das Restaurant am Ende des Universums“ gelesen, in dem wiederum Julia Hansens lebendiges Mimikspiel der Kuh, die sich selbst zum Verzehr anpries, die passende Ironie einhauchte. Dafür erntete sie anhaltenden Applaus.

Obwohl diese Texte sprachlich billierten und einen hohen Unterhaltungswerte hatten, ist ihnen eine negative Konnotation zum Kochen gemein. Es überraschte durchaus, dass kein Werk mit einer ehrlich positiven Beziehung zum Essen vorgestellt, kein Lob auf die Freuden des Essens gelesen wurde. Die Auswahl der Texte unterbutterte den Aspekt des Genusses und ließ einen fahlen Beigeschmack aufkommen. Auch bei der Moderation blieb einem der ein oder andere Bissen im Hals stecken. Die bohrenden Fragen an Frank Schaumberg, in der Bemühung diesem reservierten Charakter vielleicht doch eine abfällige Bemerkung über Veganer oder die nörgelnden Deutschen Gäste zu entlocken, Kommentare über die Lieblingsspeise von Hitler oder das Diät-Lied (mit Ohrfeigenbegleitung), bei dessen Lesung sich Herr Schenk immer wieder selbst ins Gesicht schlug, ließen den einen oder anderen übel aufstoßen.

Doch das Prädikat für die Veranstaltung sollte nicht nur an den gelesenen Stücken und den servierten Gerichten festgelegt werden, sondern ebenso an der Tischgesellschaft. Erst die illustren Runde an meinem Tisch verlieh dem Abend den besonderen Charme. „Tafelspitzen und Tischgespräche“ als das tragende Motto dieser Veranstaltung erhob das Gespräch zum festen Programmpunkt, denn: Essen und Literatur verbindet auch, dass man sich wunderbar darüber unterhalten kann.

 

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