Göttinger Symphonie Orchester

Es gibt diese magischen Momente in der Musik. Dass es einem plötzlich den Atem verschlägt und das Herz lautstark pocht. Weil gerade die Streicher in einem grandiosen Klangwolkengebilde gemeinsam ausschwärmen, Cello und Violine in inniger Zuneigung verschmelzen und die Stille, in der jeder Ton geborgen erscheint, so unmittelbar aufrührt.

Nicholas Milton hatte ja bereits zur Begrüßung als neuer Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters versprochen, dass man mit Musik Wunder vollbringen könne, dass er die Herzen der Zuhörer öffnen möchte und ihre Seele bereichern. Er kündigte auch ein paar Gänsehautmomente an. Doch dass es gleich so viele sein würden wie bei seinem Eröffnungskonzert in der Göttinger Stadthalle, erstaunte selbst die Besucher, die Milton bereits als Gastdirigent mit dem Göttinger Symphonie Orchester erlebt hatten. Es gab sie auch nicht erst bei Beethovens 5. Symphonie, zu der Goethe einst bemerkte „sehr groß, ganz toll; man möchte fürchten, das Haus fiele ein“. Schon mit den ersten Motiven, die Johannes Brahms in einer akademischen Festouvertüre mit den Melodien studentischer Trinklieder zu einem farbenprächtigen musikalischen Schauspiel verwebte, kam es zu diesem Gänsehautmomenten.  

Dem festlichen Anlass gemäß klingt natürlich hier ein bisschen Pomp und Pathos an, in dem sich die akademische Gelehrsamkeit würdevoll sonnen mochte, während Brahms sie auch mit ein bisschen kompositorischer Ironie bedachte. Hier erkundet Milton mit seinen Musikern zwischen den Zeilen wunderbar dramatische Spannungsverhältnisse, die von den Bläsern elegant veredelt werden und dann eben dieses Klangbild mit den ausschwärmenden Streichern. Aus dem melodischen Reigen studentischer Gesänge strahlt die Heiterkeit und auch ein bisschen romantische Schwärmerei. aber immer mit einem Anflug von sonnigem Charme, der einfach zum Genießen einlädt.

Hatte Göttingens neuer Chefdirigent die Herzen seines Publikums mit Brahms zunächst festlich euphorisch gestimmt, bekamen sie in Antonín Dvořáks Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 mit Daniel Müller-Schott die Dimensionen musikalischer Poesie und magischer Wirkung zu spüren. Sanft eingebettet vom Klang des Orchesters und der Stimme des Horns singt das Cello das Thema in all seinen filigranen Wendungen herbei. Da fasziniert natürlich die technische Brillanz des international gefeierten Solisten, aber vor allem sein Vermögen, mit Tönen so zu zaubern, dass sie bis an die Herzhaut vordringen und zur puren Emotion werden. In den melodischen Sehnsuchtsseufzern scheint das Cello mit den Flöten zu verschmelzen, bis das Stakkato der Bläser einsetzt, die Atmosphäre erneut dramatisch aufgeladen wird und sich mit den Streichern zu einem hochexpressiven Klangkosmos vereint. Da vermag sich auch das Publikum nicht an die klassischen Beifallsrituale halten und feiert die Musiker bereits nachdem ersten Satz mit Bravorufen. Milton lässt innehalten, so als ob das an diesem Abend auch zu den magischen Momenten gehört, einfach in der Stimmung zu verweilen, die in Dvořáks Allegro in der Stille nachklingt und dem Andante ausschwärmt. Müller-Schott lässt die Motive zwischen leidenschaftlicher Emphase und all den zarten Sehnsuchtsseufzern in ihrer poetischen Strahlkraft oszillieren, die sich im dritten Satz, befeuert durch das Orchester, noch einmal dramatisch aufbäumen. Und wieder möchte man den Atem anhalten, wenn Müller- Schott und GSO-Konzertmeisterin Nathalia Scholz den intimen Dialog zwischen Cello und Violine in musikalische Magie verwandeln.

Mit Beethovens 5. Symphonie bestürmte Milton sein inzwischen noch euphorischer gestimmtes Publikum nach der Pause. Manch einer mag sich gefragt haben, was es daran noch zu entdecken gibt, gerade weil das Werk so populär ist und die Motive so vertraut sind. Zunächst überrascht das rasante Tempo, das Göttings neuer Chefdirigent für die Begegnung mit der so genannten Schicksalssymphonie vorgesehen hat. Dem tragisch pathetischen Nachhall, zu dem dieses Werk eben auch verführt, weil sich darin Beethovens emotionaler Aufruhr angesichts seiner zunehmenden Taubheit widerspiegelt, gibt Milton keinen Raum. Er ist schließlich auch so präsent und im Bewusstsein der Zuhörer. Hier geht es um den kämpferischen Aufruhr und wie der Komponist die Motive umeinander ringen lässt, wenn sie sich aufbäumen und insistieren, um erneut bedrängt zu werden und zurückgeworfen, um in neuen Variationen harmonisch bestärkt wieder Kräfte zu mobilisieren und auszutreiben. Sanft bestürmt werden dann die Motive des zweiten Satzes, in dem die Stimmen von Trost und Hoffnung miteinander ringen, aber nur selten in einem Moment von Andacht und Kontemplation verweilen, als ob sie etwas antreibt, das nicht zur Ruhe kommen will. Im anschließenden Allegro bestärkt Milton seine Musik ererneut in diesem leidenschaftlichen Ringen um eine Aussicht und die Vision, wie Beethoven sie mit dem Finale ersann. Nach dem Aufbegehren der Bläser und dem Aufleuchten der Streicher mit den filigran pulsierenden Celli und den erdenden Schwingungen der Kontrabässe.

Es scheint es, als ob Goethe Recht behalten sollte, auch wenn die Wände der sanierungsbedürftigen Stadthalle natürlich nicht einfallen. Aber zum grandiosen Finale von Beethovens 5. Symphonie könnte das Dach schon abheben, wenn die Musik so himmlisch schön strahlt und verzaubert wie unter Nicholas Milton und dem Göttinger Symphonie Orchester. 

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