Deutsches Theater

Ein assoziatives Kraftfeld für Denkräume und Emotionen

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Biografische Farben und Färbungen, sie klingen nach in Franz Schuberts „Schwanengesang“. Da sind die Sehnsuchtsstimmen von früher im Bündnis mit den empfindlichen Glücksvisionen und der Furcht vor endgültigem Abschied. Sie alle spiegeln sich in den Liedern, die in den Monaten vor seinem Tod entstanden und erst postum zum Zyklus „Schwanengesang“ zusammengefasst wurden.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters verstummen für den Moment die Worte und die Bilder, die hier assoziativ in die Begegnung mit Schuberts musikalischem Nachlass, seiner Biografie und der Geschichte eines Genforschers vordringen. Für einen intimen Dialog zwischen Geige, Bratsche, Cello und Viola über die Motive des d-Moll Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“. Vielleicht ist das ja bereits das Credo dieses Theaterabends und der Inszenierung von Christian Friedel, wie sie in den Fragen an das Leben und den Tod auf die Fantasie vertraut und auf diese musikalischen Echos, in denen schon Zeitgenossen Schuberts „in Musik gekleidete Gedanken“ erkannt hatten.

Friedel hat seiner Forschungsreise mit Schuberts Schwanengesängen den Untertitel „Rausch und Requiem“ gegeben und verwandelt die Bühne in ein assoziatives Kraftfeld, das schon bald die Fantasie der Zuschauer berauscht. Das vermögen selbst Zahlen, Formeln und Befunde in einer wissenschaftlichen Lesart, für die der Göttinger Humangenetiker Bernd Wollnik dem Autor und Regisseur beratend zur Seite stand. Florian Eppinger kündigt sich als Franz-Dietmar Bitthan an, als Professor für angewandte Genomik am hiesigen Institut für Humangenetik. Der möchte sein Publikum für die neuesten Erkenntnisse der Genforschung begeistern und besonders für die Entschlüsselung von Krankheitsgenen, deren Fehlfunktion zu erblichen Erkrankungen führt. Was wäre, wenn die Aussichten, gesünder alt werden zu können, nicht nur eine organische Angelegenheit sind, wenn frühere Generationen auch mit ihren Emotionen und Erfahrungen genetische Spuren hinterlassen haben? Hinter der Frage lauern Bitthans ganz persönliche Motive: die spürbar gebliebene Trauer um Tod seiner herzkranken Mutter und den seines herzkranken Bruders, die Kriegstraumata und dann diese Schubert-Lieder, mit denen die Angst und die Dunkelheit besungen wurden.

Die Vortragsatmosphäre wird unsanft gebrochen, wenn sich die Bühne verdunkelt, belebt von umher irrenden Schattengestalten – und von einer Frau mit zwei Kindern, die sich an Schuberts Lied von der Todesfurcht halten – und an von Schubert vertonten Zeilen Heines über die Gestalt dieses Doppelgängers, der das Leben von Anfang an belauert.

Auch Schubert war geprägt vom frühen Tod seiner Mutter, aber Friedel durchkreuzt allzu simple Rückschlüsse auf die Schwanengesänge und mögliche Gemeinsamkeiten mit der zentralen Figur seines dramatischen Szenarios. Es ist in der Gedankenwelt der Lieder geborgen, und was der Regisseur mit seinem Ensemble imaginiert. Nichts davon ist zum Festhalten. Die Bilder umkreisen einander wie in einem Wahrnehmungslabyrinth, in dem jeder Zuschauer seine ganz persönliche Spur verfolgen mag, was ihm vertraut erscheint und was ihn zunächst vielleicht befremdet. Die Zeitsprünge etwa, die bis in die Ära des Barock zurückreichen und die Vision vom menschlichen Mutanten heraufbeschwören, perfekt programmiert und unsterblich gefühllos. Oder das Gefühl, hier eine Serie von Flash Backs zu erleben, wo ständig Erinnerungen mit den Ereignissen kollidieren, die vielleicht auch nur Traumsequenzen sind oder Gedankensplitter, die jetzt von der Fantasie belebt werden.

Sechs Stationen bilden dieses assoziative Kraftfeld der Bildräume. Sie haben die Titel Genetik, Leben, Körper, Liebe, Wissenschaft und Sterben. Zum Leben gehört nicht nur das mütterliche Nachtlied, sondern auch der rastlose junge Wissenschaftler, der mit seinen Kollegen zwischen Formeln, hastigen Mahlzeiten und Forschungsstationen rotiert, die sich über die gesamte akademische Welt verteilen. Noch genießt das junge Paar die studentische Aufbruchsstimmung und die Partys mit Schubertliedern zur Klampfe.

Etwas bleibt ungehört von der Bedeutung in Heines Zeilen „Am Meer“. Die „Liebesbotschaft“ in Ludwig Rellstabs Versen hat sich längst verflüchtigt, wenn das kastenförmige Gestell auf der Bühne erneut rotiert, Institutskorridore eingeblendet werden, nächtliche Großstadtkulissen und die nächste „Schöner Wohnen“-Fassade. Eine einsame Gestalt, die sich von Mutationsraten, Kopplungsgruppen und Neumutanten so sehr berauschen lies, dass dabei das Leben und die Liebe, die es braucht, vergaß, stemmt sich gegen den eisernen Vorhang. So einsam wie die Körper, die sich in der Choreographie von Valenti Rocamora i Tori in einer dystrophischen Welt bewegen und sich in der Leere winden, die sie umklammert hält.

Zwischen luftigen Wolkengebilden und edler Parkkulisse bezirzen sich die barocken Grazien und ihre Galane in diesem barocken Liebesreigen. Der Tod weilt umso lieber unter ihnen, und das idyllische Wolkenblau leuchtet jetzt flammend rot mit Schuberts „Frühlingssehnsucht“ und mit seinem Ständchen, in dem die Lieder leise flehen. „Der Tod und das Mädchen“ begegnen sich auch in den Versen von Matthias Claudius und mit dem Versprechen „sollst sanft in meinen Armen schlafen“.

Demonstrativ wird das romantische Bild erneut von Formeln, Diagrammen und Prognosen überlagert. Von Zukunftsvisionen, in denen Krankheit und Altern nicht mehr stattfindet und störende Faktoren frühzeitig entsorgt werden, aber auch von einem Aufruhr der Körper, die ihre gläsernen Laborräume verlassen haben und jetzt ihr Regime als perfekt austarierte Gliederpuppen behaupten. Der alte Wissenschaftler trotzt den Prognosen des jungen und seinem unbeirrbaren Fortschrittsglauben bei der Entschlüsselung von Krankheitsgenen, während im Hintergrund Computertomogramme eingeblendet werden. Aufnahmen vom Schädeln und ihrem pulsierenden labyrinthischen Innenleben, wo neben unzähligen Geistesblitzen unzählige Irrtümer aufblitzen. An das Bett des Sterbenden kriecht diese blasse Gestalt, die Schubert in seinem Doppelgänger-Lied beschwor, vielleicht um so seine Furcht vor dem Knochenmann musikalisch zu bannen und vielleicht sogar auf die Vision eines erlösenden Schlaf an seiner Seite zu vertrauen wie auf eine liebevolle Umarmung.

Die Angst vor dem Nichts und die Frage was vielleicht bleibt, eine Melodie, eine zukunftsweisende Formel oder doch nur ein paar Erinnerungsspuren, die irgendwann verblassen, sie ist in Christian Friedels assoziierendem Kraftfeld stets präsent. Dazu gesellt sich nun die Hoffnung, die durch die aktuellen Befunde der Epigenetik Auftrieb erhält. Und dahinter lauert auch die Frage, was das für ein vermeintlich selbstbestimmtes Leben bedeutet, wenn Gefühle und Erfahrungen als genetisches Erbe nachwirken. Die Bilder wollen einfach keine Ruhe geben, wie sie ständig inspirierende Signale senden, Denkräume öffnen und Gefühlswelten, die nicht nur musikalisch austreiben dürfen. Alexander Wolff bestärkt sie mit seinen wunderbar assoziativen Bühnenräumen. Sie kommen in den bewegenden Tableaus von Choreograph Valenti Rocamora i Tora und in den Videos von Clemens Walter zum Ausdruck. Hier sind Theatermacher am Werk, die im Bündnis mit Christian Friedel auf die Fantasie des Theaters und seinen schöpferischen Reichtum vertrauen und das Publikum an diesem Abend auch mit einer Liebeserklärung an das Theater beschenken. 

Wie befreit wirken auch Schuberts Schwanengesänge ohne das klassische Kunstliedformat, wenn sich das Schauspielteam in die Gedanken vertieft, die er in Musik kleidete. Für sie weben Justin Ciuche, Jann Michael Engel, Yana Krasutskaya und Patricia Loyal berührend schöne filigrane Klangräume mit E-Geige und E-Cello, E-Bratsche und E-Viola – und dann auch ganz pur mit den Motiven aus Schuberts Streichquartett, die sich wie eine musikalische Sternstunde entfalten und strahlen.

Mitten hinein in diese Liebeserklärung.

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