Galerie Alte Feuerwache

Frau Jenny Treibel geb. Bürstenbinder

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Mit Frau Jenny Treibel ist nicht zu spaßen. Mit strahlendem Gesicht nähert sich Sabine Wackernagel dem Bühnenstillleben in der Alten Feuerwache und schwärmt von einem heiter sonnigen Spaziergang. Doch schon braut sich unmittelbar ein erstes Gewitter zusammen. Höchst empört rechnet Theodor Fontanes Romanheldin mit den jüngsten Nachrichten ab. Clarissa, die Tochter ihres Jugendfreundes Willibald, hatte es wahrhaftig gewagt, auf eine Verlobung mit Jennys Sohn Leopold zu spekulieren. Und der scheint noch nicht mal abgeneigt. So eine Mesalliance kommt für die bessere Gesellschaft der Treibels natürlich nicht in Frage, selbst wenn es sich um eine hochgebildete Kandidatin handelt. „Frau Jenny Treibel, geborene Bürstenbinder“, wie sie Fontane im Titel seines Romans ankündigt, hat andere Pläne und die wird sie auch durch- und umsetzen.

Schon der erste stürmische Aufruhr hat bereits noch ein Nachspiel. Die Dame, die sich trotz wenig illustrer Familiengeschichte inzwischen als bestens etabliert in der besseren Gesellschaft betrachtet, kommt ins Lästern über diese Clarissa, die auf dem gesellschaftlichen Parkett seine so gute Figur abgibt. Bei der Gelegenheit bekommen auch diverse Tischnachbarinnen gleich ihr Fett weg. Da ist schon eine Menge Wut im Spiel. Aber natürlich kann jetzt nicht von Eifersucht, Neid und Konkurrenzdenken die Rede sein. Auch nicht von den Ermüdungserscheinungen, die dieses ewige Spekulieren um Besitzstände und Status zur Folge hat. Der Blick lässt das ebenso wenig nicht zu, wie die Haltung, in der Sabine Wackernagel ihre Figur kultiviert, die keine Verletzlichkeiten oder gar Schwächen preisgeben mag sondern sich lieber genussvoll entrüstet.

Jenny Treibel ist das zweite Frauenportrait, dem sich die Schauspielerin nach ihrem Theaterabend „ Goethes dicke Hälfte“ über Christiane Vulpius widmet. Ihr zur Seite stand diesmal Valentin Jeker als Regisseur, der sich als Faktotum „Engelke“ auch auf der Bühne so herrlich subtil in die stürmischen Ausbrüche einmischt. Während sich Sabine Wackernagels Jenny über die frivolen Sprüche ihres Gatten echauffiert oder über die hochnäsige angeheiratete Verwandtschaft ihres zweiten Sohnes, schlurft er als scheinbar devote Gestalt gelassen an den Aufgeregtheiten vorbei. Er besänftigt mit Champagner, Obst und Pillen und auch mal mit einem Taschentuch, weil die Stimmung auch immer mal ins leidenschaftlich pathetische Unglücklich umschlägt bevor das nächste herrische Kommando erfolgt. Sein Engelke durchschaut auch das ständige Demonstrieren von Macht und Selbstherrlichkeit, wo natürlich immer Andere haftbar zu machen sind, dass es mit der optimierten Lebensplanung vielleicht doch nicht so optimal gelaufen sind. Zwischen Jenny Treibel und ihrem Faktotum herrscht ein stilles Einverständnis auf der Bühne. Sie darf sich in Szene setzen, ihr spekulatives Innenleben verdrängen und die emotionale Leere ebenso ihre Einsamkeit zwischen Empfängen, Events und Statusetiketten. Und sie kann auf einen Zuhörer vertrauen, der sie nur manchmal einfach ein bisschen ironisch erdet, wenn das erzählerische Lügengebäude allzu sehr ausufert.

Es ist im Grunde ein Trauerspiel, das Sabine Wackernagel in Frau Kommerzienrätin Jenny Treibel anklingen lässt. Wie sie in Erinnerung an ihren Jugendgeliebten über dessen poetische Kraft und seine Bildungsideale ins Schwärmen gerät, um sich dann doch lieber für einen kapitalkräftigen Versorger und eine stabile Erfolgsleiter zu entscheiden. Und wie sie jetzt nach Zuwendung und Verständnis hungert und im Grunde einfach weiter die von allen bewunderte strahlende Prinzessin sein möchte, die sich nicht verspekuliert hat. Temperamentvoll, leidenschaftlich und trotzig entfaltet sich dieses Frauenportrait. Auch Trotz gönnt ihr Sabine Wackernagel bis zum Schluss. Ihre Jenny wird nicht klein beigeben und im Sinne Fontane weiterhin „in einem fort vom Guten, Schönen, Wahren quasseln und doch nur vor dem goldenen Kalb knixen.“ Schon strahlt er wieder, der Lebenshunger und wütet gegen die ängstlichen Stimmen, die eine hässliche Leere ahnen lassen und doch schon das nächste Tarnmanöver in diesem faszinierenden Schauspiel über ein dramatisches Lügengebäude.

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