St. Stephanus

Rezension

Wenn Oboe und Laute aufeinandertreffen, sind die Rollen für gewöhnlich klar verteilt. Die prägnante Oboe hat die Solostimme und das Saiteninstrument setzt die begleitenden rhythmischen Akzente. In der St. Stephanuskirche unterwanderten Andreas Düker und Till Hieronymus das klassische Muster gleich in mehrfacher Hinsicht mit einem vielstimmigen Programm. Da harmonierten die Jahrhunderte und die Stilepochen miteinander und die Instrumente verständigten sich auf einen Dialog mit vielen Klangfarben bis hin zu poetischen und expressiven Klanggemälden.

Das Konzert in der St. Stephanuskirche war die erste konzertante Begegnung des Göttinger Lautenisten mit seinem Musikerkollegen aus Hildesheim. Sie hatte den Titel „La Maskerade“ bekommen. Der lässt sich natürlich als Anspielung auf die wechselnden Rollen verstehen, die die Musiker mit Werken von Robert de Visée, Georg Philip Telemann und Franz Schubert einnehmen und auch in den Kompositionen von Gabriel Fauré, Astor Piazzolla und Jaques Ibert immer wieder variieren. Doch in diesem Fall stiftete Visée mit seiner Suite in d-Moll und diesem „Mascarade Rondeau“ mit seiner tänzerischen Beschwingtheit das Leitmotiv. Hier darf die Oboe in den schönsten Verzierungen und Höhenflügen ausschwärmen, wie später auch in Telemanns Sonate a-Moll. Mit dem anmutigen Lautenintermezzo und Visées „Chacone“ kündigt sich bereits eine poetische Spur an, die später auch die Oboe aufnimmt. Mit dem Divertissement Pastorale von Napoléon Coste erzählt Till Hieronymus, was er mit seinem Instrument noch alles vermag. Wie jeder Ton einem sanft und dennoch kraftvoll fließenden Fluss folgt und die Melodielinien miteinander um diese Momente von Andacht ringen, während die Barockgitarre ihre zarte Strahlkraft so filigran belebt. Oder wenn Gabriel Faurés „Pavane“ von wunderbar wärmender Glut durchströmt wird und die Gitarre den Gesang der Oboe umarmt, um sich mit ihr auf Wanderschaft durch mediterran anmutende Klangregionen zu begeben.

Doch bevor die beiden Musiker die musikalischen Farben im Süden Europas erkunden, halten sie in der Romantik inne. Bei Franz Schubert und seinem „Ständchen“ in der Bearbeitung von Johann Kaspar Mertz, das Till Hieronymus nun mit dem Englischhorn in einen wunderbar samtenen dunklen Klang einbettet. Andreas Düker gönnt sich ein temperamentvolles Ständchen mit Isaac Albeniz berühmter Komposition „Asturias“ und ein virtuoses Saitenspiel mit allerfeinsten Schwingungen. Mit Astor Piazzollas „Oblivion“ begeben sich Oboe und Gitarre in einen Sehnsuchtsraum der Emotionen und halten immer wieder inne wie zu einem Gebet, in dem jeder Ton sich wie ein Atemhauch entfaltet. Die Momente von Andacht und Kontemplation bezaubern auch in Heitor Villa-Lobos „Distribuicao des Flores“ mit dem musikalischen Dialog über ein indianisches Ritual und seine faszinierenden harmonischen Kontraste.

Mit den Flamenco-Elementen die Jacques Ibert in seiner Komposition „Entr’acte“ verwebte, locken auch die musikalischen Landschaften Nordafrikas bis hinein in arabische Klangräume. Gitarre und Oboe umspielen einander mit melodischen und rhythmischen Arabesken und beschwingen das Publikum in der Stephanuskirche einmal mehr mit dem „Mascarade Rondeau“ als Zugabe. Bleibt zu hoffen, dass Andreas Düker und Till Hieronymus ihre musikalische Begegnung unter dem Motto „La Mascarade“ demnächst fortsetzen, um mit Oboe und Englischhorn, Laute und Gitarre im harmonischen Dialog durch die musikalischen Landschaften der Jahrhunderte zu flanieren.

 

 

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