St. Johannis

„Ein wichtiges und glückliches Ereignis steht der musikalischen Welt zunächst aber in Berlin bevor“ verkündete die allgemeine musikalische Zeitung am 21. Februar 1829. „Das größte und heiligste Werk des größten Tondichters tritt damit nach einer fast 100jährigen Verborgenheit in das Leben“. Das glückliche Ereignis war Felix Mendelssohn zu verdanken, der mit der Aufführung der Matthäus Passion von Johann Sebastian Bach für die Wiederentdeckung des barocken Meisters gefeiert wurde.

Zu einem glücklichen Ereignis wurde auch das literarisch musikalische Klavierkonzert, das der musikalischen Wahlverwandtschaft von Mendelssohn und Bach gewidmet war. Mit den biografischen Notizen über einen begeisterungsfähigen jungen Komponisten und den Auszügen aus seiner Korrespondenz und dann natürlich mit den musikalischen Stimmen, in denen die Wahlverwandtschaft der beiden Komponisten so farbenreich und fantasievoll strahlt und funkelt.

Burkhard und Martin Engel bilden das „Cantaton Theater“, das auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit im Gemeindesaal von St. Johannis gastierte. In ihren Programmen verweben sie musikalische und literarische Zeugnisse zu Wort- und Klangportraits: Mit Burkhard Engel als Rezitator an der Seite seines Sohnes Martin, der an diesem Abend die musikalische Wahlverwandtschaft der beiden Komponisten am Flügel ebenso feinsinnig differenziert zum Klingen bringt.

Als hochgebildete Familie von Musikkennern und Liebhabern beschreibt Engel die Mendelssohns und dass im musikalischen Salon von Felix Großtante Sarah ein regelrechter Bachkult geherrscht habe. Der Weihnachtswunsch des 15jährigen, die Noten der Matthäuspassion zu besitzen, sollte sich erfüllen. Der humorvolle Blick auf die konzertante Wiederentdeckung gesellte sich später hinzu, als Felix Mendelssohn auf dem Weg zur Aufführung witzelte, dass es offenbar ein Komödiant und Judenjunge hatte sein müssen, den Leuten die größte christliche Musik wieder zu bringen. Aus den Worten des Komponisten spricht immer wieder ein beschwingend heiterer Tonfall, gepaart mit der schöpferischen Neugier und dem Enthusiasmus eines Tondichters, der die musikalische Welt mit so großer Freude durchstreifte.

Bachs Präludium und Fuge E-Dur entfalten ihren gravitätischen Zauber, gefolgt von Mendelssohns Präludium und Fuge e-Moll, die diesen Zauber um wunderbar farbenreiche Facetten bereichern. „Sie werden wohl wenig gespielt werden“, hatte Mendelssohn in einem Brief an einen Freund angemerkt. Engel zitiert daraufhin auch Robert Schumann, der sie wie ein musikalisches Kleinod betrachtete, in den Fugen „viel Sebastianisches“ vernahm und einen feinen Schmelz, der wiederum auf die moderne Zeit verweise mit jenen „kleinen Mendelssohn eigentümlichen Strichen“.

Einige Gedanken aus Briefen und anderen Schriften „accompagnieren“ die Klaviermusik heißt es im Programm zu diesem Abend. Im Zentrum steht natürlich der musikalische Dialog in der Wahlverwandtschaft der beiden Komponisten, der später mit Carl Philipp Emanuel Bachs „Rondo c-Moll eine weitere Klangsprache erfährt, die sich zu ihrer Vorgeschichte bekennt. Doch ähnlich wie die Klavierwerke haben auch die Texte die Wirkung von Preziosen, die Burkhard Engel ganz fein dosiert. Sie werden zu poetischen Echoräumen, in denen sich nicht nur das Portrait des Komponisten Mendelssohn widerspiegelt sondern auch das eines reflektierenden und überaus gebildeten Zeitgenossen und seiner Gedankenwelt.

Damit ließe sich nun bei Mendelssohns „Variations sérieues“ d-Moll auf Spurensuche über Motive des Komponisten gehen und was ihn dabei bewegt haben mag. Mitreißend ist die Atmosphäre, die Martin Engel den musikalischen Bildern entlockt, wo es immer wieder abenteuerlich stürmt und drängt und die melodischen Fantasien dann in Momenten der Andacht und der Kontemplation verweilen, um erneut romantisch, leidenschaftlich und enthusiastisch auszuschwärmen. Auch Mendelssohns Fantasie fis-Moll fasziniert in der Fülle von Ideen und dem spielerischen Vergnügen des Komponisten bei der Gestaltung von Klangräumen, das dabei mitschwingt. Und das alles ohne dramatische Effekte. Engel wahrt auch in den expressiven musikalischen Bildern das reflektierende Element, in dem sich die Schönheit der Motive und ihre poetischen Kräfte offenbaren und Mendelssohns schöpferischer Reichtum.
Der kommt auch in den Liedern ohne Worte zum Ausdruck, die Burkhard Engel mit einem weiteren feinsinnigen Apercu aus der Feder des Bachschen Wahlverwandten verbindet. Wie er sich für Carl Philip Emanuel Bach begeisterte, der Klaviermusik geschrieben habe, die ohne Worte sprechen und die Herzen berühren wollte und konnte und in diesem Sinne auch seine „Lieder ohne Worte“ als offene Begegnungsräume verstand. „Die Leute beklagen sich gewöhnlich, die Musik sei so vieldeutig“, zitiert Engel aus einem Brief Mendelssohns. „Das was mir eine Musik ausspricht, die ich liebe, sind mir nicht so unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen sondern zu bestimmte Fragen sie mich, was ich mir dabei gedacht habe, so sage ich, gerade das Lied, wie es da steht.“

Der literarische Kreis bei diesem literarischen Klavierkonzert schließt sich mit Blick auf die Geschwister Mendelssohn mit Zeugnissen der liebevollen Zuneigung und Begeisterung, die Felix auch den Werken seiner Schwester Fanny widmete. Dass er sie für ihre Musik natürlich als Kapellmeister am Hofe einstellen würde, hätte sie aus seiner Sicht nicht bereits eine höfische Stellung an seiner Seite. Da Frauen als Komponistinnen weiterhin beargwöhnt wurden, witzelt der Bruder umso lieber über diesen „Frauenzimmerpferdefuß“, der in den Werken seiner Schwester wahrlich fehl am Platze sei und dankt ihr lieber mit einem „wunderschön.“

Wunderschön ist auch die Zugabe mit einem weiteren Lied ohne Worte, mit dem Martin Engel das Publikum beschenkt. Und dazu lässt Burkhard Engel den Dichter Heinrich Heine über einen wundermächtigen Knaben poetisch schwärmen den er in Berlin im Konzert habe spielen hören. Felix Mendelssohn-Bartholdy.

 

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