Clavier-Salon

Die Abendplanung in dieser Woche gestaltete sich denkbar einfach: 19.45h, Clavier-Salon im Stumpfebiel. Es gibt Beethoven.

Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag. Sonntag. Und am Sonntag sogar gleich dreimal. Alle 32 Klaviersonaten in chronologischer Reihenfolge.

Gerrit Zitterbart hat mit seinen Studentinnen und Studenten der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover, ebendort vor zwei Wochen dieses Projekt gestemmt. Nun steht die Wiederholung in Göttingen an. Alle 32 werden es dann nicht werden; eine Darbietung musste wegen Krankheit leider entfallen. Aber kleine Makel heben Schönheit nur hervor, oder?

Aus Deutschland, Polen, Litauen, Korea sowie China stammen die sechzehn Musikerinnen und Musiker, welche dieses „Neue Testament der Klaviermusik“ (Hans von Bülow) in sieben Konzerten zu Gehör bringen (Namen/Werke am Ende des Artikels). Dabei steigert sich der Zuhörerzuspruch von Abend zu Abend – lediglich Sonntag früh um 11h sind nur die Hartgesottenen dabei. Beim dargebotenen Programm allerdings hätte ich der Veranstaltung mehr Publikum gewünscht. Wie häufig gibt es solch Gelegenheit?!?

Die dargebotenen Leistungen hätten ebenfalls mehr Zuhörer verdient. Von solide bis teils großartig reicht das Spektrum – und hier ist es wichtig zu wissen: Gerrit Zitterbart hatte alle seine Studentinnen/Studenten zum Mitwirken „verdonnert“. Dabei kommen ganz unterschiedliche Studiengänge zusammen: Klavier (B.Mus.), Künstlerisch-pädagogische Ausbildung (B./M.Mus.), Soloklasse, Tasteninstrumente (M.Mus.) Klavier oder Hammerflügel - entsprechend unterschiedlich sind Fähigkeiten und Niveau.

Je nach Interessenlage der Musikerinnen/Musiker fällt somit die Wahl des Instrumentes aus. Im Clavier-Salon stehen schließlich zehn Instrumente aus der Zeit von 1795 bis 1898 zur Auswahl. Hr. Zitterbart sowie die Hammerflügelstudis wählen jeweils das zur Kompositionszeit „passende“ Instrument, während alle übrigen auf den Bechstein, 1890, zurückgreifen. Letzterer ist klangmäßig für den kleinen, kuscheligen Clavier-Salon beinahe zu mächtig, doch gelingt es allen Interpreten ihre Kraft (zumeist) zu zügeln. Am letzten Abend darf man (bei op.110) sogar erleben, wie zart man mit dem Bechstein umgehen kann.

27 Jahre liegen zwischen der ersten (1795) und der letzten Sonate (1822). Den Großteil seines (Kompositions-)Lebens hat der Berufspianist Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit der ‚Klaviersonate‘ gerungen. Zwei weitere Gattungen haben ihn ebenfalls lebenslang und immer wieder beschäftigt: Streichquartette und Symphonien. Und auch wenn Beethoven ebenfalls Viola und Violine beherrschte, Orchester dirigierte, so ist doch das Klavier sein ureigenes Ausdrucksmittel. Und so sind die Klaviersonaten gleichsam unser privater Zugang zu Beethoven, zu seinem Kosmos. 32 unterschiedliche Wege gibt dabei in diese Welt. Alles, was seitdem unter ‚Klaviersonate‘ läuft, musst sich wohl oder übel an diesen 32 Versuchen messen.

Recht unerwartet stellt sich bei mir am dritten Abend zudem ein merkwürdiger Effekt ein – es ist, als blättere man im Tagebuch eines Verstorbenen. So unmittelbar, so eindringlich es, wenn ausschließlich Werke eines Komponisten erklingen, mithin die konzertübliche Melange unterbleibt.

Drei Sonaten spielt eine Interpretin/ein Interpret in diesem Zyklus höchstens; zumeist sind es weniger. Eine „stimmige“, eine „Interpretation aus einem Guss“ kann es dabei natürlich nicht geben. Das erweist sich als unverhoffter Gewinn! Sicherlich: Die Zugänge, die technische Umsetzung, die musikalische Gestaltung sind jedes Mal andere, doch die Vielgestalt, die unendlichen Möglichkeiten wie man denn diese 32 Sonaten zum Klingen bringen kann, wird so erst recht deutlich! - Und etwas Weiteres wird allzu klar: Beethoven verschwindet nicht hinter der Interpretation. Wie unterschiedlich die Musiker es auch angehen mögen – das Ego des Komponisten steht an erster Stelle. Mit Schubert, z.B., sähe das vielleicht anders aus?

Der Wechsel zwischen zeitgemäßen Instrumenten – Flügel nach A. Walter von 1795 und nach Dulcken, 1815 – sowie dem anachronistischen Bechstein, 1890, ist bei Konzerten im Salon stets ein Erlebnis für sich. Bei den Sonaten auf den älteren Instrumenten wird zudem augenfällig, dass Beethoven bis an die Grenzen geht. Die der Klaviatur (auf den modernen gibt‘s oben & unten noch ein paar Tasten); die der möglichen Lautstärke. Viel zarter gebaut, ohne den noch nicht erfundenen Gussrahmen, fordert der Komponist das Äußerste: So erzittert bei manchem fff das Klavier in den Grundfesten. In Verbindung mit den lederbezogenen Hammerköpfen lässt dies die Musik auf den beiden Oldtimern intimer, gesanglicher und - besonders im Bassbereich – durchsichtiger erscheinen. Einigen Interpretinnen gelingt es beinahe diese Art Transparenz auch auf dem Bechstein zu erzielen, dennoch hätte ich mir gewünscht, dass nicht nur die Hammerflügelfans unter den Studentinnen /Studenten zu den ‚alten‘ Instrumenten gegriffen hätten.

27 Jahre – Beethoven geht in dieser Zeit auch an die Grenzen seiner Kompositionskunst- und verschiebt sie ständig weiter. Sicherlich hat er nicht an einem Vormittag des Jahres 1815 gedacht „und jetzt beginnt das Spätwerk“, doch die scheinbar leblose, hergebrachte Aufteilung in Früh-, Mittel- und Spätwerk gewinnt im Rahmen dieses Marathons an Lebendigkeit. Teilt sich anfangs das Werk noch in brillante, virtuose Musik für den eigenen Vortrag (op.7 als Startpunkt, op.13. etc.) und Literatur für (halbwegs) begabte Laien (z.B. op.49), so durchdringen sich in der „Waldstein“, der „Appassionata“, op.54 & 57, das technische und das kompositorische Problem („Was ist Sonate?“) unauflöslich einander.  Die Brückenwerken op.78 bis op.90, die ausnehmend gut gelangen!, sind dann unsere Hinführung zum Spätwerk. Ein Gewinn dieses Konzertmarathons ist sicherlich, dass es viel leichter fällt, den Weg hin zu diesen fünf letzten Sonaten zu verstehen. Mag die völlige Taubheit ab 1815/1818 das ihre zum radikalen Umgang mit dem musikalischen Material beigetragen haben, so erscheint die Konzentration, die Verdichtung in diesen letzten Werken der folgerichtige Schluss aus dem einmal beschrittenen Weg zu sein. Ein Stehen-bleiben beim einmal erreichten jedenfalls, scheint kein Wesenszug des Komponisten gewesen zu sein.

Wie lebendig, klug, technisch versiert und musikalisch z.T. sehr(!) junge Musikerinnen und Musiker diesen Kosmos ausgemessen haben, ist zu einem meiner beglückendsten Konzerterlebnisse geworden. - Unerfreuerlicherweise hat Beethoven nur 32 Sonaten geschrieben… und op.28 ist mein neuer Liebling….

Pianistinnen und Pianisten in umgekehrt alphabetischer Reihenfolge, dahinter das jeweils gespielte Werk:

Gerrit Zitterbart – opus 2,1, op.27,2, op. 53
Alvyda Zdanevičiutė – op.26, op.31,1, op. 79
Cunmo Yin – op.57, op.106
Zifan Ye – op.7, op.22
Anna Katharina Schilling – op.49,2
Nahyun Park – op.28, op.81a, op.111
Kaja Nieland – op.49,1
Borun Li – op.31,2, op.101
Juhyeon Lee – op.10,1-3
Anna Krzemionka op.14,1
Ye Eun Kim – op.27,1, op.31,3
Giran Jung – op.2,3, op.109
Hinako Inoue – op.2,2
Lanxi He – op.78, op.90
Yuzhe Gu – op.110
Inga Bogdan – op.13, op.54

Kommentare powered by CComment

Diese Seite verwendet Cookies, mit denen Informationen lokal auf Ihrem Rechner gespeichert werden. Mit der Benutzung der Seite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.
Ok